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MISEREOR-Blog

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  • Wer bremst verliert!:

    Auf Bangladeschs Straßen braucht man drei Dinge: Gute Nerven , gute Nerven, gute Nerven. Auch noch nützlich: eine laute Hupe, helle Scheinwerfer und starke Bremsen.  Start einer kleinen Serie über meinen Projektbesuch in Bangladesh.

    Von  Bangladeschs Hauptstadt Dhaka bin ich unterwegs in den Norden des Landes. Ich besuche das Beispielprojekt für die Kinderfastenaktion 2013. Über drei Stunden soll unsere kleine Gruppe für die knapp 100 Kilometer brauchen.

    Allerdings vergeht die erste Stunde schon mit Stop-and-Go in Dhaka. Die Staus der Hauptstadt sind legendär.  Ein echtes Geduldsspiel,  denn das Hauptprinzip des hiesigen Verkehrs heißt wohl „alles oder nichts“. Sobald sich eine Lücke auftut, drückt der Fahrer aufs Gas, um gefühlte  drei Sekunden später  abrupt zu bremsen.

    Haarscharf

    Was  bin ich  froh,  als wir endlich auf der Landstraße Richtung  Norden sind!  Die Erleichterung hält aber nur bis zum ersten Überholen.  Als wir an einem der zahlreichen Motortaxis vorbeifahren, rast ein Überlandbus auf uns zu. Er blinkt heftig mit den Scheinwerfern und hupt. Langsamer wird er nicht. Auch unser Fahrer denkt nicht ans bremsen; hupt seinerseits und zieht im allerletzten Moment links rüber.

    Bangladesch hat von den britischen Kolonialherren den Linksverkehr geerbt. Aber meistens fahren wir rechts. Denn unsere Fahrt ist eine Art Dauer-Überholmanöver.

    Autobahn trifft Dorfstraße

    Viele Straßen sind völlig überlastet.  Der „Highway“ von Dhaka nach Mymensingh ist zweispurig.  Auf diesen zwei Spuren fahren nicht nur  Autos,  Lastwagen und Busse ,  sondern auch Rickschas, Motoradtaxis und schwerbeladene Fahrräder.  Denn entlang unserer Route geht ein Dorf ins nächste über.  So wird der Highway zur Dorfstraße. Bangladesch ist der Flächenstaat mit der größten Bevölkerungsdichte.  150 Millionen Menschen leben hier auf einer Fläche so groß wie Bayern. Zwei Drittel von ihnen auf dem Land.

    Auf den hiesigen Straßen gilt das Recht des Stärkeren. Ganz unten: Fußgänger – ein kurzes Hupen reicht, und egal ob Frau, Mann oder Kind springt zur Not in den Straßengraben. Denn kein Gefährt würde bremsen.

    Selbst die Männer, die mühsam ihre schweren Handkarren schieben, werden ohne Mitleid zur Seite gehupt. Und so geht es weiter, wie beim Skat. Motorrikscha sticht Fahrradrikscha. Lastwagen sticht Auto. Und die Könige der Straße, sind die riesigen Überlandbusse. Deren Fahrer brausen permanent hupend über die holprigen Pisten.

    Prinzip  Rittertunier

    Schwierig wird es, wenn sich zwei gleich „starke“ Gefährte begegnen. „Wer bremst verliert“, und so rasen mitunter zwei Busse mit Affenzahn aufeinander zu.   So ähnlich wie beim mittelalterlichen Rittertunier denke ich.  Meistens bremst dann doch noch im letzten Moment einer der beiden ab. Oder die Rikscha , die gerade überholt wird, bremst – so kommt ein Bus gerade noch vorbei.  Manchmal aber eben auch nicht. Nach unserer Ankunft, lese ich  im Newsletter unserer Partnerorganisation über einen tödlichen Buszusammenstoß, vor einem Monat.

    Deshalb steige ich am nächsten Morgen mit einem etwas mulmigen Gefühl in den Wagen. Es geht weiter in das Dorf Chatika.  Mehr darüber in meinem nächsten Beitrag.

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  • Der Preis des schwarzen Goldes: Ölförderung im Tschad:

    Die Ausstellung „Ölbiographien“ dokumentiert das Elend, das der Ölboom über die Bevölkerung im Süden des Tschads brachte.

    „ESSO hat von meinem Land 1,5 Hektar genommen“, sagt Faustin Aleyou. Nun lebt der 47-Jährige mit seiner Frau und neun Kindern vom verbleibenden Hektar, auf dem er Hirse, Maniok und Bohnen anbaut. Für sein Land erhielt er vom Ölkonzern 1.500 Euro, einen Ochsenkarren und einen Pflug, der nie funktioniert hat, eine manuelle Erdnussschälmaschine, eine Schubkarre und einige Tiere. Ein Unternehmen baute ihm einen Schafstall. Der allerdings ist für Schafe ungeeignet. Aleyou nutzt ihn daher als Lagerraum. „Ersetzt all dies einen Hektar, auf dem ich jedes Jahr anbauen konnte?“, fragt Aleyou.

    Faustin Aleyou ist Bauer in Madana, einem Dorf im Süden des Tschads. 2003 begann das Konsortium aus ExxonMobil (ESSO), Petronas und Chevron-Texaco, in Aleyous Heimat Öl zu fördern. Dominiert wird das Konsortium von ESSO.

    Damals hofften viele auf Wohlstand. Doch nur wenige fanden Arbeit auf den Ölfeldern. Im Gegenteil. „Die Ölmilliarden haben den eh schon korrupten Staat weiter destabilisiert“, sagt Astrid Meyer, ehemalige Leiterin der MISEREOR-Dialog- und Verbindungsstelle im Tschad.

    Meyer betreut die Ausstellung „Ölbiographien“, die MISEREOR auf dem Katholikentag in Mannheim zeigte.  Die Ausstellung für Rohstoffgerechtigkeit dokumentiert das Elend, das der Ölboom über die Bevölkerung im Süden des Tschads brachte.

    Unangemessene Entschädigungen

    „Heute gibt es mehr als doppelt so viele Bohrlöcher wie ursprünglich geplant, der Flächenverbrauch ist immens“, sagt Meyer. Hinzu kommen der Chemiemüll, der die Böden versucht, und der hohe Wasserverbrauch der Ölförderung. Wasser, das den Menschen fehlt. Für ihr Land zumindest erhalten die Besitzer eine Entschädigung. Doch wer was und wie viel bekommt, legt ESSO Chad fest. „Die Beträge sind völlig unangemessen“, berichtet Meyer. Und Weiterbildungskurse für die Bauern ohne Felder oft unsinnig. „So gibt es beispielsweise plötzlich ein ganzes Dorf voller Schmiede, obwohl nur Arbeit für einen da ist.“

    Neben den Individualentschädigungen für die einzelnen Familien, gibt es Gemeinschaftsentschädigungen. Auch hier bestimmt der Konzern. Zwar entstehen Schulen und Getreidespeicher, allerdings sind diese schlecht gebaut und am Bedarf der Bevölkerung vorbei.
    Besonders schwer ist es für die Bewohner der „eingeschlossenen Dörfer“. Um zu ihren Feldern zu gelangen, müssen sie Gebiete passieren, auf denen ESSO mittlerweile Öl fördert. Erlaubt ist das nur innerhalb bestimmter Zeitfenster, die viel zu knapp bemessen sind. Bauern, die nicht früh genug in ihre Dörfer zurückkehren, drohen Misshandlungen und willkürliche Verhaftungen, denn die Zugänge bewachen private Sicherheitskräfte und Polizisten.

    Mutige Medien

    „Trotz allem aber gibt es mutige Medien, die über die Missstände berichten“, sagt Meyer. Beispielsweise das Radio der Diözese Doba. Die Journalisten prangern Ungerechtigkeiten an – und die hohe Korruption, die auch in dem Gremium zur Interessensvertretung der Lokalbevölkerung Gang und Gäbe ist, das einen Fonds für die Erdölgebiete verwaltet.

    „Eigentlich sollten fünf Prozent der Öleinnahmen der Bevölkerung zugutekommen“, erzählt Meyer. Doch bisher floss das Geld nicht etwa in die Versorgung mit sauberem Trinkwasser oder ein Basis-Gesundheitssystem. Stattdessen entstanden ein Flughafen, der nicht funktioniert, ein Stadion und eine Universität. „Was nutzt eine Universität in einem Land, in dem fast die Hälfte der Schüler nach der Grundschule nicht lesen und schreiben können?“, fragt Meyer.

    Die Ölkonzerne verdienen Milliarden am schwarzen Gold. Den Preis zahlen die Menschen.

    MISEREOR unterstützt tschadische Partner in ihrem Engagement um eine Anpassung des Entschädigungssystems unter Beteiligung der Bevölkerung. Sie klären die Menschen über ihre Rechte auf und fördern Eigeninitiativen. Auf Initiative der tschadischen Bischofskonferenz ist eine Dialogplattform gegenüber ESSO entstanden, in der Sprecher von Muslimen, Katholiken und Protestanten sowie Staatsvertreter und Vertreter der Zivilgesellschaft repräsentiert sind.

    Mehr Informationen zur Ölförderung im Tschad gibt es unter www.erdoel-tschad.de

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  • Attacke! Salsa auf dem Toulonplatz:

    “Attacke! Drehung, eh, Drehung!” Francisco Luis steht auf der Bühne am Toulonplatz und tanzt Salsa. Eigentlich unterrichtet der Diplom-Tanzpädagoge an einer Schule in Siegen. Heute Abend aber tanzt der 37-Jährige in Mannheim – und hat etwas andere Schüler: Rund 120 Katholikentagsbesucher sind zum gemeinsamen Salsa-Tanzen gekommen und bewegen sich jetzt mehr oder weniger gelenkig zur Musik. Es regnet.

    “Salsa kommt aus Kuba. Und hey, in Havanna regnet es auch”, ruft Francisco. “Wir machen die Augen zu und stellen uns vor, wir wären in Havanna! Uuund – One, two, three…” Von weitem sieht man nur Rucksäcke in blauen, schwarzen und roten Regenjacken, die sich im Takt drehen. “Wenn wir tanzen, scheint die Sonne, egal, ob wir nass werden!” Die Bewegungen werden gelenkiger.

    “Que pasa? Eh, MISEREOR-Leute”

    “Que pasa? Eh, MISEREOR-Leute, aufstehen!” Keiner bleibt sitzen. Der ganze Platz tanzt: Eine 60-Jährige mit Seidentuch dreht sich neben einem 18-Jähriger in Baggyhosen, ein 43-Jährigen mit Karohemd und Schnauzer neben einer Katholikentagshelferin.  “Nach vorne, Casino, Cucaracha, yeaha!”

    Vor 14 Jahren kam Francisco von Teneriffa nach Deutschland.  Getanzt hat er schon immer. “Wir sind mit Salsa im Blut geboren”, sagt er. “Und jetzt: zusammen!  Schaffen wir das? Wir schaffen das!” Auch Priska und Martin drehen sich konzentriert zu Franciscos Ansagen. Bisher hatten sie nur eine Stunde Salsa im Tanzkurs. “Wir werden das jetzt aber auf jeden Fall öfter machen”, ruft Martin, dann geht’s schon wieder weiter. Casino, Basico, Drehung.

    Seit 2006 engagiert sich Francisco für MISEREOR und die 2-Euro-Aktion. “Zu sehen, was seitdem alles passiert ist, motiviert mich ungemein”, sagt er. “Wenn jeder von uns 2 Euro, 2 Stückchen Energie, 2 Lächeln, 2 Tänze gibt, dann kann viel passieren. Davon bin ich fest überzeugt”, sagt er, lacht – und tanzt weiter.

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  • “Afrika hat genug Platz”:

    Es gibt Menschen, die gar nichts sagen müssen und trotzdem alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auma Obama ist so ein Mensch. Als Gast auf dem Katholikentag in Mannheim schauen die Besucher schon allein zu ihr auf, weil sie die Schwester des amerikanischen Präsidenten ist.

    Das ist natürlich ein Vorteil, kann aber auch zum Problem werden. Deshalb hat sie einmal gesagt: “Es ist mir wichtig, dass mir die Leute nicht zuhören, weil ich die Schwester von Barack Obama bin. Sondern weil das, was ich sage, Relevanz und Substanz hat.”

    Daran kann in der Tat kein Zweifel bestehen. Auma Obama ist eine beeindruckende, redegewandte Persönlichkeit, die in Nairobi lebt, aber dank ihres Studiums in Städten wie Saarbrücken, Heidelberg und Berlin exzellent Deutsch spricht und wirklich etwas zu sagen hat. In der von MISEREOR organisierten Podiumsveranstaltung unter dem Titel “Tank, Trog, Teller” tritt sie recht streitbar auf und wendet sich gegen die These, Afrikas Hungerproblem sei in besonderer Weise  durch das starke Bevölkerungswachstum zu erklären. “Afrika hat genug Platz für seine Landwirtschaft und könnte sich selbst ernähren. Und die enorme Zunahme der Zahl an Menschen ist vor allem ein Bildungsproblem. Gebildete Frauen wollen weniger Kinder, sie suchen vor allem nach Arbeit.” Und an die Adresse der europäischen Regierungen sagt die 52-Jährige: “Sie können Afrika nicht retten. Was wir brauchen, ist ein echter Dialog.”

    Niederländisches Hühnerfleisch in Afrika

    In einer Kontroverse mit Peter Bleser, Staatssekretär im Bundesagrarministerium, prangert Obama an, dass trotz der deutlich reduzierten EU-Exportsubventionen der Verkauf von Waren aus der EU – Obama nennt etwa niederländische Hühnerfleisch  – die Märkte afrikanischer Länder für bestimmte Produkte wegen Preisdumpings zuungunsten der heimischen Landwirte beeinflusse. Bleser erwidert, afrikanische Länder hätten durchaus das Recht, ihre Grenzen gegen ausländische, oft subventionierte Billigware zu schützen. Dem widerspricht jedoch Karin Kortmann, ehemalige Staatssekretärin im Bundesentwicklungsministerium: “Gerade das ist durch die strengen Bedingungen für Entwicklungshilfe von Organisationen wie IWF und Weltbank meist nicht möglich.” Sie wünsche sich sehr, so Kortmann, dass bei einer Fortschreibung der UN-Milleniumsziele nach 2015 auch ökonomische Aspekte berücksichtigt werden. “Die hat man im Jahr 2000 nämlich bewusst ausgespart.”

    Bezüglich des im Titel der Veranstaltung angedeuteten zunehmenden Flächenbedarfs in der Landwirtschaft liefert Horst Fehrenberg vom Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg interessante Zahlen: “30 Prozent der Weltflächen dienen der Produktion von Viehfutter. 26 Prozent davon auf Wiesen- und Weidenflächen, vier Prozent für den direkten Futtermittelanbau.” Demgegenüber werden nur sechs Prozent der Flächen zur unmittelbaren Erzeugung von Nahrungsmitteln  eingesetzt. Darüber hinaus werde derzeit als langfristiges Ziel die Nutzung von weltweit zehn Prozent der Böden für die Erzeugung von Agrotreibstoffen angestrebt. Und dies bei gleichzeitigem Verlust von Boden etwa durch Versteppung, Verwüstung oder zu intensive Monokultur, ergänzt Fehrenbach.

    Die Zeit von 90 Minuten war zu kurz, um wirklich ausführlich zu diskutieren, wie diese Gesamtentwicklung auf Dauer in einer gesunden Balance gehalten werden kann. Einig war sich die Versammlung freilich in der Ablehnung großflächiger Landnahmen ausländischer Investoren in Entwicklungsländern. Kortmann nannte hierzu ein Beispiel, das sie bei einer Indien-Reise kennenlernte: Dort verdient eine einheimische Firma viel Geld damit, den Anbau der energiereichen Jatrophapflanze  in Afrika zu forcieren, mit deren Hilfe Agrardiesel hergestellt werden kann. Auch solche Entwicklungen, zeigte sich Kortmann überzeugt, trügen ihren Teil dazu bei, dass derzeit in dürrregeplagten Ländern Westafrikas viele Menschen an Hunger litten.

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  • Satte Menschen hungrig machen:

    Im Jahr 2000 haben sich die Vereinten Nationen in ihren damals formulierten “Milleniums-Zielen” vorgenommen, die Zahl der weltweit Hungernden innerhalb von 15 Jahren zu halbieren. Zwei Jahre, bevor Bilanz gezogen wird, ist klar, dass die Menschheit dieses Ziel meilenweit verfehlen wird. Die Zahl der Hungernden liegt immer noch bei etwa einer Milliarde.

    Und was um so beunruhigender ist: Während viele Menschen in armen Ländern nicht zuletzt aufgrund steigender Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise in wachsendem Maße Probleme haben, sich ausreichend zu ernähren, sind die Konsumgewohnheiten in den wohlhabenden Nationen in einer Weise pervertiert, dass auch zuversichtliche Gemüter nur noch deprimiert sein können.

    “In unseren Supermärkten lautet die Parole längst nicht mehr, hungernde Menschen satt zu machen. Sondern satte Menschen hungrig zu machen.” Was für ein unglaublicher Satz, der die Wahrheit aber leider in bizarrer Weise auf den Punkt bringt. Zu hören ist er in der Dokumentation “Taste the Waste” des deutschen Autors Valentin Thurn.

    Der Film, der auf dem Katholikentag in Mannheim gezeigt wurde, zeigt, in welchem Ausmaß beste Lebensmittel täglich in den Industrieländern auf den Müll wandern: bis zu 50 Prozent. Und das hat viel mit überzogenen Ansprüchen und einer extrem verschwenderischen Lebenshaltung zu tun. Wozu brauchen wir 100 Joghurtsorten? Warum müssen die Regale auch kurz vor Ladenschließung immer noch voll sein? Wieso darf Gemüse nicht auch einmal eine kleine optische “Macke” haben? Und warum werden Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum in wenigen Tagen erreicht ist, kaum noch gekauft, obwohl diese Lebensmittel fast immer lange nach diesem Datum praktisch makellos sind?

    Vieles bleibt auf den Äckern liegen

    In der Konsumwelt der Wohlhabenden werden Bedürfnisse geweckt, die wir vorher gar nicht hatten. Hier wird das Brot, das nicht am Tag seiner Herstellung verkauft worden ist, zu großen Teilen weggeworfen. Oder als Heizpellets im Ofen bzw. als Viehfutter  weiterverwertet.
    Nicht minder kurios: Beträchtliche Mengen geernteten Gemüses finden erst gar nicht den Weg ins Geschäft, sondern bleiben auf den Äckern liegen. “Weil sie nicht zu vermarkten sind”, erläutert im Film der bekannte Biolandwirt Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf. Seine Kartoffeln sind eben vielfach zu klein, zu groß, zu falsch geformt, um von den Verbrauchern akzeptiert zu werden. Oder auch vom Handel, der möglichst gleich aussehende Früchte bevorzugt, um diese leichter verpacken zu können.

    Da wegen all dieser inakzeptablen Fakten viel mehr produziert als eigentlich benötigt wird, führt das zu einem völlig unnötigen Energieverbrauch. Und auch zu höheren Preisen, die in den Industrieländern den meisten Menschen nicht wehtun, in Entwicklungsländern aber die Konsequenz haben, dass vieles Notwendige für arme Menschen unerschwinglich wird. Weil wir so unersättlich sind.

    Rollende Küche “Rampenplan”

    Es ist ein langer Weg, hier umzusteuern. Einer, der schon seit vielen Jahren ein markanter Protagonist der Gegenbewegung ist, heißt Wam Kat, ein Politikaktivist aus den Niederlanden. Bekannt wurde er als Mitbegründer der rollenden vegetarischen Küche “Rampenplan”, mit der er schon in den 1980er Jahren bei Großdemonstrationen etwa gegen Atomwaffen bisweilen mehr als 10.000 Menschen versorgt hat. Auf dem Toulonplatz in Mannheim treffen wir ihn mit blutroten Händen: Der 55-Jährige schnippelt gerade kiloweise Rote Beete für einen schmackhaften Salat. Und das Tolle daran ist: Wam Kat produziert seine Massen-Verköstigung zu einem hohen Prozentsatz aus Lebensmitteln, die die Supermärkte nicht mehr haben wollen. Traurig, dass mancher die Nase rümpft, wenn er von dem sogenannten Müll-Essen des Wam Kat hört. Dabei tritt der Niederländer in beeindruckender Art den Beweis an, dass dieses Essen makellos und genauso gut schmeckt wie im Restaurant. Und auch noch vegan daherkommt; selbst die Mayonnaise hat der gewiefte Koch ohne tierische Zutaten hergestellt.

    Hat er das Gefühl, dass sein Kampf für einen ethischeren und verantwortungsvolleren Umgang mit Nahrung etwas verändert? “Auf jeden Fall”, sagt Wam Kat und schnippelt sein Gemüse weiter. “Mittlerweile gibt es deutlich mehr Geschäfte, die auch Gemüse verkaufen, das nicht ganz den üblichen strengen optischen Normen entsprechen.” Und in den Supermärkten wachse die Bereitschaft, sich mit dem Thema konstruktiv auseinanderzusetzen. “Sie geben mir viel größere Mengen nicht mehr benötigter Lebensmittel als früher.”

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  • Wise Guys: Zwei Welten in Mannheim:

    Zwei Welten – so heißt das neue Album der Wise Guys. Und zwei Welten trafen sich gestern auf der großen Bühne des Katholikentags in Mannheim, wo die Band und die Straßenkinder der Butterflies zeigten, wie gut zwei Welten manchmal zusammenpassen.

    25.000 Fans kamen zum großen Wise-Guys-Konzert in Kooperation mit dem SWR3. Mit den Wise Guys auf der Bühne: Jördis Tielsch und die Tanzgruppe der Butterflies.

    Die Straßenkinder hatte die a-Cappella-Gruppe schon besucht – und kam beeindruckt zurück. Nächstes Jahr werden die Wise Guys wieder nach Delhi fliegen und mit und für die Straßenkinder der Butterflies Konzerte geben. “Wir wollen nicht nur Spaß machen, sondern die Menschen unterstützen, denen es nicht so gut geht wie uns!”, erklärten sie

    “In allen Metropolen leben Straßenkinder. Das zeigt, dass unsere Welt nicht so ist, wie sie sein sollte”, sagte MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel und freute sich über die 100 neuen 2-Euro-Spender, die die Aktion und die Butterflies weiter unterstützen werden.

    SHUKRIYA!! (Danke!) an alle Spender und Helfer, an die Butterflies, an Jördis und natürlich an die Wise Guys!

    Warum die Wise Guys die Butterflies unterstützen, erklären sie übrigens hier: www.2-euro-helfen.de/wiseguys

    © Ebel/KNA

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  • Mannheim rockt für Eine Welt:

    Stefanie Heinzmann, Andreas Bourani und Luxuslärm standen gestern auf der Bühne beim großen Jugendkonzert des Katholikentags. Im Mittelpunkt des Konzerts: Das 2-Euro-Projekt Vision Jeunesse Nouvelle. Und Mannheim rockte.

    “Eine Idee scheint im ersten Moment immer klein”, sagte Andreas Bourani vor dem Konzert. “Aber wenn es gelingt, Menschen zu inspirieren, ihnen Optimismus zu geben, dann kann daraus etwas ganz Großes werden.”

    Unsere Idee für den Abend: Eine Küche für das neue Ausbildungszentrum von Vision Jeunesse Nouvelle (VJN), in dem jeden Tag 200 Kinder und Jugendliche Mittag essen. Auch das 2-Euro-Projekt in Ruanda hatte einmal klein angefangen: Mit einer Fußballmannschaft. Heute erreicht  VJN 45.000 Kinder und Jugendliche im Westen des Landes.

    Zwischen Luxuslärm und Stefanie Heinzmann erzählte Sophie Tritschler den 10.000 Konzertbesuchern von ihrem Jahr als MISEREOR-Freiwillige bei Vision Jeunesse Nouvelle. Sie brachte nicht nur viele Erfahrungen und Erlebnisse aus Ruanda mit, sondern auch “Only One“, einen Song, den sie mit den Jugendlichen von VJN aufgenommen hatte.

    “Wer als Freiwilliger ins Ausland gehen will, muss neugierig und lernbereit sein”, sagte Thomas Antkowiak. Der MISEREOR-Geschäftsführer stellte den weltwärts-Freiwilligendienst vor – eine schöne Möglichkeit, andere Kulturen kennenzulernen und Menschen zu begegnen. Wie wichtig das ist, machte auch Stefanie Heinzmann klar. “Es geht schließlich nicht darum, wo die Menschen aufgewachsen sind”, sagte sie.

    Die Pfadfinderinnenschaft Sankt Georg informierte während des Konzerts außerdem über ein Nähatelier für HIV-infizierte Mädchen und ehemalige Prostituierte in Ruanda.

    “Das war ein super Abend”, sagten Luxuslärm nach dem Konzert. Und: “Wir hoffen, dass die Leute am Ende mit einem Ohrwurm nach Hause gehen.” Das 2-Euro-Team jedenfalls verließ den Unteren Luisenpark, summte leise „Leb deine Träume“ vor sich hin – und freute sich über die neue Küche für Vision Jeunesse Nouvelle.

    Denn: 47 Konzertbesucher wollen die 2-Euro-Aktion und Vision Jeunesse Nouvelle weiter unterstützen. Großer Dank an alle Spender – und an Andreas Bourani, Luxuslärm und Stefanie Heinzmann für ihr Engagement!!

    Das Konzert von MISEREOR und dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) fand in Kooperation mit dem SWR3 und dem Katholikentag.

    © Ebel/KNA

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  • Mit dem Käfig durch die Fußgängerzone:

    Ein Käfig in der Fußgängerzone, eine brennende Kerze im Rucksack und der Kampf für eine bessere Welt: Tag 2 des Mannheimer Katholikentags war vollgepackt mit Gesprächen, Gedanken und symbolträchtigen Gegenständen.

    Mit dem Käfig durch Mannheim.

    Mit dem Käfig durch Mannheim.

    Gar  nicht so einfach, mit diesem seltsamen Gefährt über das Mannheimer Kopfsteinpflaster zu klappern. Leicht passiert es, dass man an einem Bordstein hängenbleibt. Oder an einer Straßenbahnschiene. Aber Jörg Siebert, Bildungsreferent bei MISEREOR, und eine Reihe ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer haben die Mühe auf sich genommen und schieben diesen eisernen Käfig, in dem sich zum Erstaunen vieler Passanten ein Bett befindet, durch die Fußgängerzone der Stadt, in der aktuell der Katholikentag 2012 stattfindet.

    Es ist dies ein Exponat der Ausstellung über die Käfigmenschen von Hongkong, mit der MISEREOR schon seit längerer Zeit viel Aufsehen erregt. Die Schau stellt die etwa 100.000 Menschen in den Blickpunkt, die in Hongkong unterhalb der Armutsgrenze leben, keine normale Wohnung mehr finden und zu einem hohen Preis von etwa 150 Euro pro Monat einen knapp zwei Quadratmeter großen Käfig gemietet haben, in dem sie einzig noch Unterschlupf finden können.

    Und nicht wenige müssen damit rechnen, auf Dauer in dieser menschenunwürdigen, absolut demütigenden und deprimierenden Unterkunft bleiben zu müssen. Und nicht zuletzt weil die MISEREOR-Partnerorganisation SoCO gegen die Ausgrenzung dieser Menschen seit 40 Jahren ankämpft, ist die Zahl der „Käfigmenschen“ in den vergangenen Jahren zurückgegangen. SoCO hat ihnen zu einer besseren Wohnung verholfen.

    „Wir stehen an einem kritischen Punkt der Erdgeschichte”

    Auf der Bühne des Toulonplatzes packen die Geschäftsführer der katholischen Werke ihren Rucksack für einen neuen Aufbruch.

    Auf der Bühne des Toulonplatzes packen die Geschäftsführer der katholischen Werke ihren Rucksack für einen neuen Aufbruch.

    Es ist ein ermutigendes Signal, dass sich auf dem Katholikentag mit derzeit etwa 60.000 Teilnehmern so viele Menschen mit schwierigen Fragen der Gegenwart beschäftigen; dass sie sich Zeit nehmen für Diskussionen und Gesprächsforen und es ihnen nicht egal ist, wie eine Welt mit immer mehr Menschen ein zukunftsfähiges und gerechtes Dasein für alle erreichen kann.

    Noch sind wir von vielen dringend benötigten Lösungen massiver globaler Probleme leider meilenweit entfernt. So mahnte denn auch MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel bei einer Debatte über den Klimawandel: „Wir stehen an einem kritischen Punkt der Erdgeschichte. Entweder wir entscheiden uns für eine Welt der Nachhaltigkeit, des Ausgleichs und der sozialen Partnerschaft. Oder wir riskieren, uns selbst und die Vielfalt unseres Lebens zugrundezurichten.“ Unser gegenwärtig dominierendes Wirtschaftssystem berge das Risiko des ökologischen Kollapses. Und es sei absolut notwendig, „unseren Erdplaneten nicht länger als Ware“ anzusehen, deren Ressourcen weiter hemmungslos ausgebeutet werden dürften.

    Wie schwierig es ist, den notwendigen Wandel unseres Lebensstils, unserer Konsumgewohnheiten und unseres Energieverbrauchs herbeizuführen, beschrieb die Grünen-Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn sehr anschaulich: „Der Mensch neigt dazu, kurzfristig zu denken. Da fällt der Klimaschutz meistens hinten über. Als meine Partei nach der Wiedervereinigung Anfang der 1990er Jahre eine Energiewende forderte, flogen wir bei der nächsten Bundestagswahl aus dem Parlament.“

    Nett gemeint, aber wirkungslos?

    Dass eine Strategie der kleinen Schritte und Beharrlichkeit Erfolg haben kann , zeigte sich bei einer Diskussion über den Fairen Handel unter dem leicht provozierenden Titel „Nett gemeint, aber wirkungslos?“ Schnell stellte sich heraus, dass zwar noch immer im Schnitt 98 Prozent eines Supermarkt-Sortiments nicht aus fairem Handel stammt. Aber im Jahr 2010 wurden in Deutschland immerhin faire Waren im Wert von 413 Millionen Euro verkauft, was einem vier Mal so hohen Umsatz entspricht wie fünf Jahre zuvor. Ein riesiger Erfolg, wie nicht nur MISEREOR-Handelsexperte Armin Paasch, resümierte. Ein Erfolg, der zeigt, dass der Faire Handel im Bewusstsein breiter Bevölkerungskreise angekommen ist und auch bei der Qualität deutlich zugelegt hat. „Die Zeiten, in denen man beim fairen Kaffee vielfach die ganzen Leiden der Welt mitgeschmeckt hat, sind eindeutig vorbei“, schmunzelte GEPA-Geschäftsführer Thomas Speck.

    Doch der Erfolg birgt auch neue Risiken. So nehme die Zahl der Plantagen wegen der gestiegenen Nachfrage auch im Fairen Handel zu, was die Gewichte zugunsten von Großunternehmern verschieben und arme Kleinbauern aus dem Markt  drängen könnte, warnte Paasch. Er bemängelte zudem, dass der Faire Handel sich bisher auf den Import beschränke, es aber keine Fairness bei vielen Exportprodukten wie etwa von Hühner-und Schweinefleisch oder Milchpulver aus der EU in arme Länder  gebe, die dort – von Europa stark subventioniert – die Vermarktung einheimischer Konkurrenzprodukte behinderten und damit viele Bauern in Existenznöte stürzten.

    Es gibt also noch viel zu tun, und doch überwogen am Ende der Diskussion die positiven Aspekte. Sechs Millionen Menschen profitieren direkt oder indirekt vom Fairen Handel;  dessen Produkte hätten schon allein durch ihre Anwesenheit im Supermarktregal  politisch-erzieherische Wirkung auf den Einkäufer, wie Bernhard Emundts, der Leiter des Nell-Breuning-Instituts in Frankfurt, anmerkte.

    Der Katholikentag ist traditionell ein Hort der eindrucksvollen Gesten. So steckten die Leiter der katholischen Hilfswerke bei einem gemeinsamen Auftritt in der Mannheimer Innenstadt gleich eine ganze Reihe von ausdrucksstarken Gegenständen in das aktuelle Katholikentags-Symbol, den roten Rucksack. Von Adveniat-Geschäftsführer Bernd Klaschka gab es eine Bibel, Klaus Krämer, der Missio-Präsident, spendierte als Zeichen des Aufbruchs und der Solidarität einen Stern und eine Wasserflasche. MISEREOR-Chef Spiegel entzündete eine Kerze als Zeichen eines Lichts, das Menschen leuchten möge, die im Schatten stehen und die dadurch ein wenig mehr Wärme erfahren.  MISEREOR, so sagte Spiegel weiter, kämpfe für eine Welt, in der Arme erfahren könnten, „dass sie nicht in einer gottvergessenen Welt leben“.

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  • Gedanken im Regen:

    Meine Zeit hier neigt sich dem Ende zu. Ich habe viel gelernt über die Probleme der Flüchtlinge, habe versucht zu helfen, wenn Menschen Schwierigkeiten hatten.

    Das Camp

    Das Camp

    Wenn Minderjährige unbeaufsichtigt waren, weil ihre Eltern das Dorf in Myanmar nicht aufgeben, ihre Kinder aber in Sicherheit wissen wollten und ins Lager schickten. Wenn Menschen verhaftet wurden, weil sie illegal in Thailand arbeiteten. Wenn häusliche Gewalt stattfand, Selbstmord oder sexueller Missbrauch. Dies sind Ausnahmefälle in den Flüchtlingslagern. Das Bild, was mir zuerst in den Kopf kommt, wenn ich an Ban Don Yang denke, ist ein anderes. Ein grünes. Ein dörfliches, irgendwie. Ich schaue aus dem Fenster unseres Autos, während ich warte bis die Rückfahrt beginnt.

    Dieses ist das Kleinste der neun Camps, nur einen Steinwurf entfernt von Myanmar beherbergt es etwa 5000 Flüchtlinge. Es war einer meiner Lieblingsorte, auch wenn es stets schwer war, das den Lieben zu Hause zu vermitteln. Wie kann es in einem Flüchtlingslager schön sein? Darf ich es hier überhaupt schön finden? An einem Ort, an dem Vertriebene leben, zwangsweise, nachdem sie vielleicht Folter erlitten haben, ihre Felder und Häuser abgebrannt wurden, sie tagelang durch den verminten Dschungel laufen mussten? Zwei kleine Kinder jagen einen Hund, oder werden sie von ihm gejagt? Grenzen verschwimmen. Die Mutter ruft etwas, ihr Gesicht ist bestrichen mit der weißen Paste aus Tanaka-Holz.

    Flüchtlinge

    Flüchtlinge

    Es beginnt zu regnen. Regen, das heißt hier etwas anderes als wir es von zu Hause kennen. Innerhalb von Sekunden sieht man die Hand vor Augen nicht mehr. Es blitzt und kracht. Die sandigen Hänge im Camp verwandeln sich in Schlammpisten, der kleine Bach beginnt zu rauschen. Ich sitze sicher und trocken im Truck. Isoliert, getrennt vom Lager, jetzt schon. Ich betrachte die Leute draußen. Habe ich in den letzten Monaten genug unternommen, um das Eis zwischen mir und euch zu brechen? Bin ich genug auf euch zugegangen, habe ich versucht euch die Schüchternheit zu nehmen? Habe ich meine eigene oft genug überwunden? Hätten wir uns noch näher kommen können? Wird es das Lager noch geben, wenn ich zurückkomme an die Grenze, irgendwann?

    Viele von den Menschen, die ich hier oft gesehen habe, haben sich in den ersten Monaten so selten getraut mit mir zu reden, mich auch nur anzusehen. Selbst die, die im selben Alter sind wie ich. Keine Sekunde allerdings musste ich irgendwo stehen, stets wurde mir sofort ein Stuhl besorgt. Nie hat es auf mich geregnet, immer hielt gleich jemand einen Schirm über mich. Dies war eure Art der Zuwendung, der Kontaktaufnahme, das fast schon unterwürfige Bedienen, das ich gar nicht wollte, ich wollte doch viel lieber, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen. Ich habe nichts gescheut, ich setzte mich immer zu euch auf den Boden, ich trug eure Kleidung, ich lag stundenlang mit Magenkrämpfen im Bett nach der vergorenen Fischsuppe die ihr gekocht hattet. Und dann habt ihr euch nach und nach geöffnet, mir eure Hütten gezeigt, mich zu euren Familien gebracht, Fragen gestellt zu meiner Heimat. Es war ein langsamer, mühsamer Prozess aber jede kleine Geste des Vertrauens hat ihn lohnenswert gemacht.

    Abschied

    Abschied

    Als die Flüchtlinge mitbekamen, dass meine Zeit hier bald vorbei ist, fassten sich einige ein Herz. Ich wäre doch immer irgendwie dagewesen, erklärten sie, auch wenn wir nicht dieselbe Sprache sprechen. Das hat mich sehr berührt. Sie schienen fast unruhig zu sein. Sie fragten mich nach meiner Adresse, nach meiner Telefonnummer. Ob ich wieder komme. Ich überlegte, wie wir am besten Kontakt halten könnten. Handysignal empfängt man hier nur auf einigen Hügeln und ein Gespräch nach Deutschland, wäre das machbar? Wo es doch mit Händen und Füßen schon schwierig ist… Ich schrieb ihnen meine Email-Adresse auf. Ich dachte mir dabei, vielleicht landen sie auch mal illegal in Thailand oder gehen zurück nach Myanmar…Sie starrten verwirrt auf die Kombination von Zeichen, die meine E-Mail-Adresse sind. Was soll man damit anfangen? Okay. Ich schrieb meine ganz normale Postadresse auf ein kleines Stück abgerissenes Papier. Potsdam, Deutschland. Was aber sollte ich mir von ihnen aufschreiben? Von Bee Wah und Naw Say Dah. Menschen, die keine Pässe haben. Ihre UN-Flüchtlingsnummer? In welcher Sektion im Camp sie leben? Mich überkam ein beklemmendes Gefühl. Ein kleiner Junge griff meine Hand und bedeutete mir, aufzustehen. Und dann sangen die Flüchtlinge für mich, auf Karen, zum Abschied. Sie singen immer leidenschaftlich und voller Hingabe, alle Schüchternheit scheint dabei von ihnen abzufallen. Sie sagten, dass sie mich nie vergessen werden und ich hoffe, sie meinen es ernst.

    Blick zurück

    Blick zurück

    Daran denke ich jetzt, am Ende dieses Tages. Mit meinen Kollegen habe ich noch einige Wochen Zeit. Aber in dieses Camp komme ich wahrscheinlich nicht noch mal. Ich schaue mich um, der Regen plattert immer noch gegen die Autoscheibe. Der Dschungel erstrahlt in sattem Grün. Naw Ma’y Yar steht in der Tür einer Hütte und schaut mir nach. Wir haben so viele Stunden hier miteinander verbracht und doch habe ich das Gefühl viel zu wenig über sie zu wissen. Unser Auto setzt sich in Bewegung, wir fahren vorbei an einem großen Platz zwischen den Hütten. Ich drehe mich um und schaue ein letztes Mal zu meiner Freundin. Auf ihrem T-Shirt steht I am absolutely awesome. Ein scheinbarer Widerspruch, diese selbstbewusste Aussage und dieses schüchterne, beinahe zerbrechlich wirkende Mädchen. Ich muss fast grinsen. In meinen Gedanken höre ich noch mal die Gesänge der Karen hier, ich sehe die Menschen lächeln, ich sehe Alte und Kinder und all die Gesichter von denen, die mir besonders ans Herz gewachsen sind. Trotz, oder gerade weil wir so unterschiedlich sind und solch eine Kluft zwischen unseren Kulturen zu existieren scheint. Ihr seid meine Freunde.

    Ich weiß, wie einzigartig diese Erfahrung war, wie wenige Ausländer hier her kommen können und erst recht für so lange Zeit. Ich habe keinen Zweiten getroffen in diesem Camp. Ich bin dankbar für jede Sekunde, für jede Schwierigkeit, für jede Annährung, für jedes Lächeln und jedes Händeschütteln. Was wird die Zukunft bringen? Unser Fahrer hupt, ich schaue nach vorn. Der Platz, den wir überqueren müssen ist voll mit Kindern. Sie haben sich die Kleider vom Leib gerissen und tanzen im Regen. Ich verlasse Ban Don Yang weinend und dankbar.

    Tanzen auch im Regen

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  • Farbe für den Nightshelter:


    Farbe für den Nightshelter

    Butterflies-Shelter in Nizamuddin...

    Ich laufe die letzten Meter durch die engen Straßen nahe der Nizamuddin Station in Delhi. Es ist Mittagshitze, 40 Grad, und trotzdem drückende Menschenmassen in den schmalen Gassen. Die Bahnstation ist die zweitgrößte Station in Delhi und liegt im Osten der Stadt; sich dem Bahnhof anschließend liegt Delhis Fern-Busbahnhof mit Bussen in andere Städte und Landesteile. In Nizamuddin ist 24/7 Leben auf der Straße und Menschen sind auf dem Weg. Viele Straßenkinder arbeiten und leben in der Station, sammeln Plastikflaschen aus den Zügen und schlafen nachts auf den Bahnsteigen. Sie sind nicht auf dem Weg, sondern leben hier.
    Ich sehe Richab auf der anderen Straßenseite und winke ihn zu mir rüber.  Voll stolz erzählt er mir, dass er gerade noch seinen, vom morgen an, gesammelten Müll verkauft hat. “auf zum Shelter” sagt er, und wir gehen die letzten Meter gemeinsam durch die engen Gassen.
    Butterflies’ Streetworker treffen sich auf den Bahnsteigen, in naheliegenden Park oder Müllverkaufsstellen mit den Kindern um mit ihnen zu lernen, spielen oder sie zu versorgen. Weiterhin betreibt Butterflies einen Shelter nahe dem Busbahnhof. In dieser Nachtunterkunft schlafen täglich bis zu 25 Kinder. Hier bekommen die Jungs Essen und Trinken, haben Sanitäre Anlagen und Spielangebote wie Ludo(die indische Version von Mensch-ärgere-dich-nicht)  oder Carrom (ein Brettspiel, bei dem Versucht wird, Steine in eine der vier Ecken des Brettes zu schnipsen).
    Nachdem Richab und ich den Shelter betreten haben, fragt er mich nach Mittagessen. Er hatte heute noch kein Frühstück oder Mittagessen. Aus dem Topf gebe ich ihm eine Packung Reis, Dal (Linseneintopf) und Aloogobi-Gemüse(Kartoffeln mit Blumenkohl). Nachdem er vom Händewaschen kommt, setzt er sich neben Harijul und Saalman, die beide kurz vor ihm ankamen. Sie reden über ihr Dorf, 8 Stundenzugfahrt von Delhi.

    Privatsphäre Größe: 20 auf 20 auf 35 cm
    Es ist ein 10 auf 8 Meter großer Raum mit Steinboden und kahlen Wänden. In einer Ecke sind Spinds aufgestellt, für jeden Jungen einen. Das einzige Stück Privatsphäre: 20 auf 20 auf 35 cm. In der gegenüberliegenden Ecke liegen haufenweise Decken, für die Nacht. Aus den Fernseher dröhnt Bollywoodmusik – 5Augenpaare sind gebannt auf den Bildschirm gerichtet. In der anderen Ecke sitzt Saleem mit einem Buch und einem Bleistift und macht seine Hausaufgaben. “Aaj bahut kaam hai” sagt er, (“heute sind es viele Aufgaben”). Er ist einer der 4 Jungs, die im Shelter leben und in die Schule gehen.
    Abends ab 7 erreichen die meisten Jungs die Unterkunft. Viele haben keine Familie in Delhi, kamen wegen der Arbeit aus ihren Dörfern und arbeiten jetzt im Bahnhof. Andere sind von zu Hause weggerannt, und haben irgendwann mal einen Streetworker von Butterflies getroffen, der ihnen den Shelter zeigte. Der Shelter bietet nicht nur eine Schlafmöglichkeit sondern auch Schutz vor Überfallen und Polizei, Gewalt und Misshandlung – Probleme, mit denen die Kinder täglich zu kämpfen haben.

    Malen mit den Shelter-Jungs

    Ich habe mir für heute etwas kreatives überlegt. Zunächst gegen den Willen der Jungs mache ich den TV aus – Richab motzt, er wird in einer Stunde wieder arbeiten, da will er wenigstens jetzt relaxen. Mit 8 Jungs, ohne Richab und Saalman, setzte ich mich in einen Kreis in die Mitte und lege ein großes Banner in die Mitte. Jeder Junge mit einem Bleistift bewaffnet, wird vorgemalt. Doch es dauert nicht lange, dann haben wir auch Farbe im Spiel.
    Ich will Farbe reinbringen in den Shelter. Auf der einen Seite des Banners entsteht ein Schmetterling, in der Mitte ein Fisch und dort ein Haus. Es gibt keine Grenzen, nur Fantasie und wer sich nicht traut, fragt Saleem, damit er ihnen etwas vormalt.

    Gruppenbild
    Nach einer Stunde, viel umgekippten Farbtöpfen, drei zerstörten Pinseln ist das Kunstwerk fertig. Richab ist der letzte der noch malt…’sein’ Schmetterling soll doch der Schönste sein! :)

    Unser Banner...seit heute hängt es nun an der Wand

    Viele  Grüße von den Butterflies…

    Leonard

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