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Studentenverzeichnis / studiVZ

Andis Blog

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  • Mehr Hitler-Vergleich wagen:

    „Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert Eins an.“

    Mike Godwin

    Godwins Gesetz ist seit den Kindheitstagen des Internets eine seiner Konstanten. Schon immer galt: Vergleiche mit Hitler sind stets unzulässig und wer sie verwendet, der disqualifiziert sich selbst. Bei der Rate mit der Hitler-Vergleiche in Diskussionen über Themen wie zum Beispiel Essgewohnheiten, Computerspiele oder Religion auftauchen, macht diese Regel auch Sinn.

    Godwins Gesetz hat die Welt von Online-Diskussionen aber längst verlassen. Auch in Zeitungsartikeln und TV-Talkshows gilt schon sehr lange das ungeschriebene Gesetz, dass Hitler-Vergleiche nicht zulässig sind. Wer sich einem ausgesetzt sieht, ist nur im Recht, wenn er sich diesen verbittet.

    Das klingt auf den ersten Blick alles nicht falsch. Eine Inflation von Nazivergleichen stumpft nicht nur ab, sie verharmlost gegebenenfalls auch den Horror des Dritten Reiches. Das Problem ist, dass ein totales Tabu des Vergleichs dazu führt, dass Diskussion über echte Parallelen zum Dritten Reich damit erstickt werden. Und davon gibt es aktuell nicht zu wenige.

    Als jemand, der die Machtergreifung der NSDAP nur aus den Geschichtsbüchern kennt, fragte ich mich häufig, wie es jemals soweit kommen konnte, aber wenn ich heute in die Weltgeschichte schaue, kann ich mir die Erklärung live ansehen.

    Die Rhetorik mit der Donald Trump die Muslime (aber z.B. auch illegale Einwanderer) zum Sündenbock für alle Probleme der USA macht, könnte ein Copy-Paste von Hitlers Rhetorik über Juden (aber z.B. auch „Zigeuner“) sein. Wladimir Putins expansive Annexion der Krim weist Parallelen zum Anschluss Österreichs auf. Der gescheiterte Putschversuch in der Türkei ist Erdogans Reichstagsbrand und der aktuelle Ausnahmezustand seine Reichstagsbrandverordnung.

    Das heißt natürlich noch lange nicht, dass einer der drei genannten der nächste Hitler ist. Es heißt nicht, dass Donald Trump Konzentrationslager bauen wird, wenn er an der Macht ist. Es heißt nicht, dass Putin weitere Staaten überfallen und/oder annektieren wird. Es heißt nicht, dass Erdogan ein tausendjähriges Reich errichten will. Aber es könnte so kommen. Wir haben hier eine Art Schrödingers Hitler; erst wenn sie ihr Endgame offenbaren, wissen wir wohin wir uns mit den dreien bewegen.

    Dennoch sollte eine der Lehren aus der Geschichte des Dritten Reichs auch heute immer noch lauten: Wehret den Anfängen! Schon der Grundstein einer Struktur, die dem Dritten Reich ähneln könnte, sollte höchst kritisch hinterfragt werden (nicht erst die offensichtlichen Parallelen, sondern auch schon Elemente wie die Vermischung von Polizei und Geheimdiensten oder die Errichtung eines Überwachungsstaats). Dazu gehört auch, dass man dort, wo es offensichtliche Parallelen gibt, diese auch benennen muss.

    Natürlich ist das ein schmaler Grat und Anmerkungen wie „Hitler war auch Vegetarier und schau was aus dem geworden ist!“ sind weiterhin absolut unangebrachter Blödsinn. Aber um Godwins Gesetz um ein weiteres Korollar zu erweitern: Wenn ein Hiter-Vergleich angebracht ist, dann muss er auch ausgesprochen werden.

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  • Die Ohnmacht der Totalüberwachung #ParisAttacks:

    Die Pariser Anschläge vom 13. November 2015 dürfen wohl in einem Atemzug mit dem 11. September 2001 in New York & Arlington und 11. März 2004 in Madrid genannt werden. Die schiere Wahllosigkeit, mit der unschuldige Menschen zu Opfern wurden, nur weil sie leichte Ziele waren, erreicht bei uns genau das was der Name Terror aussagt: Angst und Schrecken.

    Terrorakte werfen immer Fragen auf. Wer? Warum? Wie können wir uns schützen? Die Regierungen des Westens haben die letzte Frage in der Vergangenheit einheitlich beantwortet, indem sie begonnen haben an einer Totalüberwachung zu arbeiten, die – nicht zuletzt unterstützt durch die Digitalisierung – alles bisher da gewesene in den Schatten stellt.

    Vorratsdatenspeicherung, Staatstrojaner, Nacktscanner am Flughafen und nicht zuletzt die vollkommen außer Kontrolle geratenen Geheimdienste machen jeden einzelnen von uns zum gläsernen Bürger; und Frankreich war immer weit vorne mit dabei. Die Kosten für unsere Freiheit waren groß, aber das Sicherheitsversprechen hat viele überzeugt, sie zu tragen. Die Anschläge von letzter Woche zeigen aber, wie sich dieses Versprechen angesichts einer Handvoll Fanatiker mit Sprengstoff und Sturmgewehren in Luft auflöst.

    Niemand hat die Anschläge verhindert, niemand hat sie kommen sehen, niemand konnte ihnen Einhalt gebieten und ob selbst die Aufklärung scheint verglichen mit den Ressourcen, die darin stecken, quälend langsam. Den einzigen Teilerfolg darf man wohl nach aktuellem Informationsstand der Schleierfahndung der bayrischen Polizei zuschreiben, aber selbst das ist aufgrund der schieren Ausmaße der Ereignisse nicht mal ein Pyrrhussieg.

    Wir haben den Preis unserer Freiheit für nichts gezahlt. Schlimmer noch, wir haben den Terror gewinnen lassen. Die Islamisten können uns nicht einsperren, über unsere Politik oder über unseren Lebensstil entscheiden. Also nutzen sie den Terror, damit wir uns aus Angst selbst einsperren, unsere freiheitliche, offene Gesellschaft aufgeben und den Menschen, die vor dem Terror zu uns fliehen mit Argwohn begegnen.

    Wir haben genau gemacht, was sie wollten und haben uns in einen goldenen Käfig aus Misstrauen und Totalüberwachung gesetzt. Die Anschläge von Paris kommen mir wie blanker Hohn vor: „Ihr habt eure Freiheit aufgegeben, um euch vor uns zu schützen, aber seht her: es hilft nicht das Geringste.“

    Wie nach jeder Bluttat diesen Ausmaßes werden sich nun die Überwachungsfanatiker zu Wort melden. Das Narrativ wird sein, dass uns nur noch mehr Überwachung und noch mehr Aufgabe unserer Freiheit schützen kann. Wie ein Glückspielsüchtiger, der sich nach jedem Bankrott in Schulden stürzt, weil er glaubt, dass nur der Einsatz hoch genug sein muss, damit er alles zurückgewinnt, sehen sie die Ohnmacht der Überwachung nicht, sondern wollen nur mehr.

    Viele werden an dieser Stelle die Frage stellen: „Wenn wir uns so nicht schützen können, wie dann?“ Ich will mir an dieser Stelle nicht anmaßen eine Lösung zu präsentieren, denn ich bin nur ein einzelner Mensch und darüber werden wir alle eine Debatte führen müssen. Ich weiß nur eins: Die Totalüberwachung hat versagt.

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  • Warum die SPD uns bei der Vorratsdatenspeicherung wieder enttäuscht hat:

    Der SPD-Konvent – gerne als „Kleiner Parteitag“ bezeichnet, könnte aber genauso gut „Großer Vorstand“ heißen – hat getagt und sich dazu entschieden, dass die Partei den neuen Gesetzentwurf zur Vorratsdatenspeicherung (VDS) mitträgt. Die Reaktionen sind von Empörung gezeichnet, die SPD wird als Verräterpartei beschimpft. Irgendwie hab ich dabei ein Deja-Vu. Die SPD ist wie jede andere konservative Partei ein Freund von Überwachung und war auch schon immer für die VDS. Das wussten wir doch spätestens, seit sie 2007 den letzten Gesetzentwurf mitgetragen hat. Und dennoch ist die Situation heute anders.

    Damals war das größte Argument der Befürworter der VDS die EU-Richtlinie, die Deutschland zur Umsetzung der Maßnahme verpflichtete. Diese gibt es heute nicht mehr. Der Europäische Gerichtshof hat sie (wie zuvor das Bundesverfassungsgericht die deutsche Umsetzung) kurzerhand kassiert, wobei er sich so ziemlich allen Punkten der Kritiker anschloss.

    Dabei war es nicht zuletzt Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), der sich darauf berief das Urteil abzuwarten. In der Zwischenzeit errungen Netzpolitiker in der SPD eine beachtliche Menge an Beschlüssen von Gliederungen, die die VDS ablehnen. Alles sah so aus als würde der träge, greise Politikverein SPD sich tatsächlich noch einmal aufrappeln.

    Seit 2007 ist viel Wasser die Donau hinunter geflossen und nicht nur die Urteile der Gerichte änderten die Ausgangssituation. Dank der Enthüllungen von Edward Snowden wissen wir um die Machenschaften der Geheimdienste in den USA und in Deutschland. Wir wissen auch, was insbesondere die USA mit diesen Daten machen: sie entführen Menschen, foltern sie und schicken Killerdrohnen um Menschen ohne ein Gerichtsverfahren oder eine andere Chance sich zu verteidigen kaltblütig zu töten. Dass sich die Geheimdienste – hier und auf der anderen Seite des Atlantiks – einen Dreck darum scheren, ob ein Gesetz besagt, dass man auf Daten nur anlassbezogen mit einem Gerichtsbeschluss zugreifen darf, ist in der Zwischenzeit auch bekannt. Was gespeichert wird, wird ausgewertet.

    Ebenfalls wissen wir, dass die VDS ihren Zweck überhaupt nicht erfüllt, da sie auf die Aufklärungsquote von »Internetstraftaten« (die ohnehin schon deutlich höher ist als bei »Nichtinternetstraftaten«) keinen merklichen Einfluss hat. Und auch Terroranschläge werden damit keine verhindert. Die Terrorpläne, deren Vereitelung öffentlich bekannt wurde (etwa die »Sauerlandzelle«), wurden ganz ohne Vorratsdatenspeicherung gestoppt, während die Terroranschläge, die in den letzten Jahren passiert sind (etwa das Charlie-Hebdo-Attentat), von der VDS gänzlich unbeeindruckt waren.

    Wir wissen also in der Zwischenzeit, dass die Verhältnismäßigkeit, die Wirksamkeit und die Rechtsstaatlichkeit der »alten« Vorratsdatenspeicherung auf mehreren Ebenen als gelinde gesagt äußert fragwürdig eingestuft wurden. Die »neue« Vorratsdatenspeicherung trägt dem keinerlei Rechnung. Sie läuft an all dieser Kritik vorbei, es wurden lediglich die Fristen verkürzt, was freilich so viel an der Sache ändert, wie wenn man jemanden mit einem 10cm langen statt 30cm langen Messer ersticht.

    Im Licht all dieser Erkenntnisse war die Hoffnung, dass die SPD vielleicht doch zur Vernunft kommt und die VDS stoppt, also durchaus gerechtfertigt. Dass sie enttäuscht wurde zeigt wieder einmal mehr, dass die SPD (genau wie ihr Koalitionspartner) ein Relikt vergangener Tage ist, das sich bar jeder Vernunft an Instrumente von Diktaturen klammert, weil sie die Veränderungen in der Gesellschaft nicht so richtig versteht.

    Am besten zeigt dieses Gefühl Baden-Württembergs SPD-Innenminister mit diesem Tweet:

    Ich verzichte gerne auf vermeintliche Freiheitsrechte wenn wir einen Kinderschänder überführen.

    — Reinhold Gall (@reinholdgall) June 20, 2015

    Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ein Mann der geschworen hat die Verfassung zu schützen, sagt da öffentlich er ist bereit seine (und damit meint er unser aller) Freiheitsrechte aufzugeben um einen (in Zahlen: 1) Kinderschänder zu überführen. Was bringt jemanden dazu so etwas zu sagen? Wahrscheinlich ist er einer derjenigen, die sich im Zweifel nicht vorwerfen lassen wollen, nichts unternommen zu haben. Also ist er bereit alles was unseren demokratischen Rechtsstaat ausmacht über den Haufen zu werfen, um ein Gesetz zu etablieren, das praktisch unwirksam ist, um sein Gewissen zu beruhigen. Er folgt dem simplen Grundsatz »Der Zweck heiligt die Mittel«, wobei egal ist, ob das Mittel den Zweck tatsächlich erfüllt. Wer wissen will wohin das führt, dem kann ich eine Bettlektüre empfehlen.

    Der Kampf gegen die neue VDS hat erst begonnen und wir werden uns mal wieder darauf verlassen müssen, dass Gerichte die Arbeit übernehmen, der sich Politik seit über einen Jahrzehnt standhaft verweigert: die Grundrechte zu achten. Alles was am Ende bleibt ist eine simple Erkenntnis: Die SPD hat ihre Chance sich weiterzuentwickeln verspielt und wird wohl auf ewig der Steigbügelhalter ihren großen Schwester CDU/CSU sein.

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  • Reden wir über sexuelle Vielfalt:

    tl;dr Die aktuelle Kritik an einem Lehrplan der sexuellen Vielfalt, die als Kritik an der »Sexualisierung von Kindern« firmiert, bringt einige Aspekte gewaltig durcheinander. Im Kern des Ganzen findet sich nicht nur eine tradierte, sondern auch eine homophobe Botschaft.

    Als die baden-württembergische Landesregierung beschloss, die sexuelle Vielfalt als Querschnittsthema in den neuen Bildungsplan zu übernehmen, hat das »Ländle« einen reaktionären Aufstand erlebt. Eine Petition, die mit dem Wort »homophob« wohl noch zurückhaltend umschrieben ist, fand Unterzeichner im sechsstelligen Bereich und auch der Rest der Debatte war nicht gerade von Toleranz und Akzeptanz geprägt.

    Weiterlesen auf piratenpartei.de

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  • Die Verwässerung des Rechtsstaatsbegriffs:

    tl;dr Politiker aus jeder Ecke biegen sich gerne den Rechtsstaatsbegriff so hin, wie es ihnen passt und verkehren ihn damit ins Gegenteil.

    Die Linken könnten in Thüringen erstmals einen Ministerpräsidenten stellen, aber legen sich gerade selber Steine in den Weg, weil sie sich darüber streiten, ob man die DDR als Unrechtsstaat bezeichnen darf. Dies löste nun in meiner Twitter-Timeline eine Debatte über den Begriff des Unrechtsstaats aus. Und wenn man mal davon absieht, dass einige damit wohl tatsächlich versuchen, die SED-Diktatur zu relativieren (was ich jetzt nicht so prickelnd finde), stellt sich natürlich die Frage: was ist ein Unrechtsstaat?

    Die Wikipedia gibt an dieser Stelle eine simple Erklärung:

    Unrechtsstaat ist eine abwertend gebrauchte Bezeichnung für einen Staat, der kein Rechtsstaat ist. Es handelt sich hierbei nicht um einen juristischen, sondern um einen politischen Begriff.

    Der letzte Satz ist hier erst mal wichtig, wir sind also auf einer politischen und nicht auf einer juristischen (oder akademischen) Ebene. Wir sagen also alles was kein Rechtsstaat ist, ist ein Unrechtsstaat und weil wir Rechtsstaaten halt gut finden, sagen wir damit auch, dass wir Unrechtsstaaten schlecht finden. Der Unrechtsstaat definiert sich also nicht darüber, was er ist, sondern was er nicht ist (ein Rechtsstaat).

    Darüber was wiederum einen Rechtsstaat ausmacht, gibt es umfassende akademische Diskussion, aber im politischen Kontext lässt sich das Rechtsstaatsprinzip auf einen wichtigen Punkt konzentrieren: Der Staat steht nicht über dem Gesetz. Ganz im Gegenteil ist staatliches Handeln im Rechtsstaat an Gesetze gebunden, insbesondere an Gesetze, welche die Freiheitsrechte des Einzelnen vor staatlichem Handeln schützen.

    Leider scheint dieser Begriff in den politischen Debatten der letzten Jahre immer weiter ausgehöhlt worden zu sein. So las ich in der aktuellen Debatte seltsame Begründung, warum die DDR kein Unrechtsstaat gewesen sein soll. So sagte zum Beispiel Gregor Gysi:

    Wenn ich die DDR als Unrechtsstaat bezeichne, dann erkläre ich, dass die drei Westmächte das Recht hatten, die Bundesrepublik zu gründen, die Sowjetunion aber als Antwort nicht das Recht hatte, die DDR zu gründen.

    Er geht also gar nicht erst darauf ein, ob die DDR ein Rechtsstaat war oder nicht, sondern wirft eine Nebelkerze in die Richtung, ob die Gründung der DDR rechtens war oder nicht.

    Noch schlimmer finde ich die Begründungen die den Tenor »Natürlich gab es Unrecht, aber nicht alles war Unrecht« unterstützen. Sie definieren den Unrechtsstaat also dahingehend, dass alles was er tut unrecht (wie auch immer man das definiert) sein muss. Und auch wenn man hier sagen kann, dass die Definition von »Unrechtsstaat« hier eine andere ist, als Replik auf die aktuelle Situation erinnert das Ganze viel zu sehr an die »im 3. Reich war ja auch nicht alles schlecht«-Argumentation mancher rechten.[1]

    Andere wiederum argumentieren, dass die DDR kein Unrechtsstaat gewesen sei, weil sie ein funktionierendes Rechtssystem gehabt habe, das in vielen Bereichen (gerade den politisch unverfänglichen) auch unseren heutigen Ansprüchen genügen würde. Diese Definition macht in einem rechtshistorischen Seminar vielleicht Sinn, aber nicht in einer politischen Debatte. Auch in schlimmen Diktaturen gibt es funktionierende Rechtssysteme, die in vielen Zivilsachen bestimmt auch super funktionieren, aber das reicht sicher nicht an unsere Anforderungen an einen Rechtsstaat.

    Der entscheidende Punkt ist: die DDR war ein System das von Willkür, Unfreiheit und Diktatur geprägt war und damit sicher kein Rechtsstaat. Und ein solches System darf man, ja muss man vielleicht sogar zurecht auch abwertend als Unrechtsstaat bezeichnen.

    Jetzt ist es aber nicht so, dass die Verwässerung des (politischen) Rechtsstaatsbegriffs, erst seit der Debatte über die DDR als Unrechtsstaat stattfindet. Vielleicht war der eigentliche Grund, warum mir dieser Blogpost so unter den Nägeln brannte, dass sich viele Konservative den Rechtsstaatsbegriff schon lange so zurecht biegen, wie es Ihnen passt. In den Debatten um Bürgerrechte, Überwachung und Rechtsdurchsetzung setzen sich schon seit Jahren konservative Politiker in Talkshows und reden immer dann vom Rechtsstaat, wenn es darum geht möglichst viele Gesetzesbrecher zu verurteilen. Sie definieren den Rechtsstaat dahingehend, dass der Staat das Recht – insbesondere das Strafrecht – möglichst effizient und effektiv gegenüber einzelnen Gesetzesbrechern durchsetzt.

    Damit verkehren Sie den Rechtsstaatsbegriff vollständig ins Gegenteil. Denn wenn staatliche Ermittlungsbehörden die Bevölkerung im Geheimen auf Schritt und Tritt ausspionieren, dann entzieht der Staat dem einzelnen die Möglichkeit seine Rechte wahrzunehmen. Mit kaum einem Instrument unterhalb der offenen Willkür bricht die Politik so vehement das Rechtsstaatsprinzip wie mit der geheimen, flächendeckenden Überwachung der Bevölkerung, die wir gerade erleben.

    Und so ist es gerade in dieser Zeit, besonders wichtig, dass wir uns wieder auf den Kern des Rechtsstaatsprinzip zurück besinnen und aufhören, diesen Begriff zu verwässern. Denn wenn wir ihn immer umdeuten und als Totschlag-Argument gebrauchen, wenn es uns gerade passt, dann laufen wir Gefahr morgen nicht mehr in einem Rechtsstaat aufzuwachen.


    [1] Man verzeihe mir an dieser Stelle den Godwin, aber wenn man von Unrechtsstaaten spricht, ist das 3. Reich halt irgendwo naheliegend und wohl einer der wenigen klaren akzeptierten Fälle.

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  • Thank you for listening:

    Dies ist eine Replik auf einen englischen Blogpost und daher in Englisch verfasst (bzw. das was ich für Englisch halte 😉 )

    This is a reply to my friend @DanielaKayB, who wrote a blog post titled »Go on, we’re listening« in which she talks about #gamergate and other issues she considers relevant for modern feminism in the digital age. The people who have seen Daniela and me discuss various issues (e.g. liquid democracy) know that we tend to have very different opinions, but get along surprisingly well discussing those. She asked for replies in form of rationally articulated arguments. Well, rationally articulated arguments is what I do, or at least what I try to do most of the time. I also see myself as a critic of modern »internet feminism«, which is enough for many people to brand me a generally bad person, but since Daniela and I do have a little bit of history I want to answer.

    So first of all: go and read the read the original post, it is not that long. In the main part of her post, Daniela picked four examples she wants to discuss and wrote a brief paragraph how she perceives the issue. I will quote those four paragraphs and write my response to them. But before I do that, I want to give you some context for the first two issues which consider video games. I am a long term »hardcore« gamer and the discussion about »killer games« is what made me a politician. That said, I am not neutral on this issue, but perceive it from a very subjective point of view. So, here we go.

    The case of Anita Sarkeesian

    Take Anita Sarkeesian and her Tropes documentaries.

    She calmly lists the ways in which the representation of women in video games doesn’t exactly contribute to a society of equality. The implicit question of “why” is often answered with “because realism”.
    Their argument is:

    We can imagine a world in which dragons are fluttering about everywhere, but we can’t have playable female characters, because that would be unrealistic.

    Or even:

    I can easily imagine a world in which I am a mighty wizard, but I cannot imagine a world in which women are anything but punching bags.

    Go on, we’re listening.

    It is very tempting for me to go all out on the whole issue of »Tropes vs Women in Video Games«, because from my point of view this whole issue around that series is like a messy hairball of different causes and effects in different people. I actually did go all out on it in the last post on this blog (in German). So for the sake of keeping this discussion short I try to stick to Daniela’s original statement as good as I can. For those that cannot or do not want to read to long German post, a short summary of my opinion on the matter: Like any other media, video games contain gender clichés and sexism, which is reason enough to debate the issue. I think Sarkeesian’s observations are of interest for this debate, but I have issues with the way she presents them. First of all she tends to jump to conclusions I cannot follow and often perceive as at least borderline defamatory. Secondly, I have issues with every other example she picks, because she misrepresents them by cherry-picking or putting them completely out of context, in a way that is obvious to everyone who played the game, but not to people who have less experience in the genre. There are patterns in the debate that remind  me of the way the »violence in video games« issue was debated.

    That said, back to Daniela’s statement. First of all, I agree that one of Sarkeesian’s strong points is, that she stays very calm. They™ say the one who keeps calm wins the debate and if this is 100% true she has to best chance of winning here, because the reactions are often times very angry to say the least. But I still want to try to address the issue of realism as the reason for sexism. Let’s take  Sarkeesian’s example of watch dogs. In this game there is a random event, where the protagonist observes a case of domestic violence (quote: »You think you can just break up with me?!«). The perpetrator is always male while the victim is always female. If these gender roles are realistic can be argued, feminists would agree while male rights advocates would not. Of course we could just leave out that event, but then you could make a similar case for the murder, the mugging or the manhunt events. Since it is a game we could replace it with an event of a care bear mugging a ring wraith, but the game would really suffer from it. In this particular example, the game designers wanted a setting which is more realistic and therefore aimed for random events the player would perceive as reasonably realistic and domestic violence is a real issue. We simply cannot expect every game to challenge reality.

    Of course there are games that can do that, most notably – as indicated by Daniela’s statements – fantasy and science fiction games, with the exception of so called low fantasy. Those are games who try to keep a realistic historic (often medieval) setting and spice it up with just some fantasy elements like wizards or dragons and are therefore more limited in what they can make things up. But in other cases, the game designers have the freedom to challenge reality and here they do.

    Today »we can’t have playable female characters« is wrong. I don’t say there is room for improvement, but we have come a long way since Samus Aran and Lara Croft were the only notable examples. Furthermore I simply have to disagree that »women are anything but punching bags« in games, this statement seems a bit fatalistic to me.

    The case of Zoe Quinn

    How about Zoe Quinn?

    As far as I see, Zoe Quinn made a revolutionary game about depression. And she has an opinion, which is a dangerous thing to do for a woman.
    Apparently that is enough to try and destroy her utterly. Her private life is dragged into the public and judged. Her professional life is smeared.
    And about what? About games?
    They say:

    Because you are practising your craft in a way that I disagree with, I have the right to insult you.

    Because what you do in your capacity as a gaming professional destroys games as such, I have the right to drag your private life into the open and ridicule it.

    Because you said something I disagree with, I have the right to dox your family.

    Because you did _something_ in the gaming industry, I have the right destroy your life.

    Go on, we’re listening.

    I have played »depression quest« only once, but in my humble opinion it is not really ground breaking. I even have problems calling it a game, because it blurs the line to an interactive novella. It resembles an old school text adventure, so the production value is quite low compared to modern games. That does not mean it is bad, because it can have a strong message. As someone who suffered from depression in the past I could relate to a few things, but not the most. But then again depression is a broad condition and other people can probably relate more.

    But the problem here is not the game, it is the reaction to it. Similar to Anita Sarkeesian, Zoe Quinn got a backlash that is not acceptable. As I said in my previous post about Anita Sarkeesian, I am not one to be appalled by the every bit of cheap insult, ridicule or passive aggression of people posting on the internet. But there is a limit, a line that is crossed with threats of violence and doxing. And while many people tend to strong language, these – pardon my language – assholes that cross the line do not represent the majority of gamers and I think I speak for most gamers, when I say, I do not want to be lumped together with them. Therefore I would appreciate it if feminists and journalists would refrain from doing that.

    Apart from that, there is a huge number of gamers that do not cross that line, but still bombard Zoe Quinn with a lot of criticism, which if often everything but objective. The reason for that is, that this case combines two issues that have been swelling in the gaming community for some time now. The first issue is the connection between game publishers and gaming journalists. There have been cases and there have been rumors of corruption, i.e. journalists that have written favorable reviews of games because they had some sort of connection to the publisher. The second issue is publishers (including small independent developers) using Youtube’s copyright system to block unfavorable critique of their games.

    Both these issues come together in the case of Zoe Quinn. First there was the post of her ex-boyfriend telling people of a sexual relationship with a gaming journalist. This post basically accused Quinn of sleeping with journalists to get favorable reviews for her game. If those accusations are true, this would escalate the corruption issue a whole new level. After people started to call her out on that on Youtube, these videos got blocked by Youtube’s copyright systems, because they allegedly violate the copyright of »Depression Quest«. So Zoe Quinn suddenly was the center figure of a scandal, that combined two of the most pressing issues in the gaming community.

    But if we try to be objective here, the proof for this scandal is very thin. On the one hand, we have the ex-boyfriend’s statement, which cannot be considered very reliable. Maybe he was just heart broken and tried to find explanations, maybe he exaggerated because he was angry. People are not always objective when they are heart broken, many of us have probably been there. The copyright claims maybe harder evidence, but still not very good, since Youtube’s copyright system is so fucked up, that just flagging the video could really have been done by anybody.

    As I understand it, the ex-boyfriend already retracted the original post, at least partially. The problem is, that once the fuse on the powder kegs of those two issues was lit, the explosion was inevitable. This viral spreading of facts and half baked facts we know from social media has its own life. Actually I myself do not want to claim to have actually understood what happened. What I described were just those facts that reached me. And while many people probably treat Zoe Quinn unfairly, making her a scapegoat for problems she is not responsible for, I have to disagree on the fact her opinion is what she is criticized for.

    Pickup artists

    Pick-Up Artists.

    Don’t get me started on PUAs.
    In short, we’re talking about men who feel that all those women are so superficial that they only go for the really hot guys and totally don’t see all those not-so-handsome gentlemen who are just waiting to treat a woman the way she deserves.
    Their answer? They devise a system to woo women, but here’s the kicker: you’re only supposed to use it on at least an HB8 (a woman who scores an 8 out of 10 on their Hot Babe scale #theMoreYouKnow).
    So what they are saying is:

    Women are so depraved that they only chose handsome guys instead of the plain ones, but then I (a plain guy) turn around and use my “skills” only on hot women, ignoring the plain ones. Also, because they are so depraved, I’m well within my rights to treat them like cattle.

    Go on, we’re listening.

    This is another issue where I am not really objective. Some years ago I had my own phase in the pickup community. I know, most of you have probably had a very satisfying love life since your teenage years and you can laugh at me, the nerd who had to read books and watch videos on how to get a proper romantic relationship, I don’t care.

    From what I see, the pickup community is a mess. It started out as a number of news groups where heterosexual nerds met and tried to approach the problem of dating women in a more methodical way. Somewhere along the line, at the least since the release of »The Game« it transformed into a lot of guys trying to sell you books, DVDs and other stuff. After the community went public, it became a magnet for many sexist guys posting stupid stuff around many seduction message boards. And for some reason this stupid stuff seems to be everything people know about this topic.

    Somehow single bits of the pickup community get torn out of context, tossed around through feminist networks and built into straw men, that are than attacked. Daniela’s Statement above is no exception. At least the popular authors I stuck to in my time did not say that at all. They did not say women only want handsome guys. In fact they said the complete opposite, i.e. for many women looks are not that important, but confidence is. Yes the Hot Babe scale is a thing, but at least I was never told to only approach HB8+, but that even I, the meek nerd I was at that time, can approach a HB8+ if I have confidence and learn to understand the woman I am talking to.

    And here is the thing, if you cut your way through all the pseudo science that comes with many pickup books, you get messages that sound very similar with what feminists demand. »Attraction is not a choice«. »Do not be a creep«. »Be honest about your intentions, with the women and with yourself«. »Treat women like humans, not like objects you just want to sleep with«. I was one of those guys who got friendzoned by women I liked and then started buying expensive gifts and playing the emotional punching bag; she had to realize that in reality I am the perfect guy for her, right? So I basically was a stupid, sexist idiot. But it was pickup books that did teach me that, not feminism.

    I know that there probably are a lot of legitimate issues feminists have with the pickup community, e.g. like the language of the »technical terms«. But I would really appreciate it, if we could discuss things that actually are part of popular pickup teachings and not things someone found on a message board or heard from somewahre. My recommendation is to read »The Game« by Neil Strauss, it is actually more critical of the community than you might think. As I said, many people will still have issues after reading it (like I still have issues after reading feminist books), but it might help to defeat some of those myths going around in feminist circles.

    The Fappening

    Leaked private pictures.

    Someone apparently hacked private clouds and leaked private pictures of celebrities. I can’t help but notice that so far only the pictures of *female* celebrities have made the headlines, but that is neither here nor there…
    Now reddits answer to “hey, what about my privacy?” is either “haha, you trusted a cloud? How stupid are you anyway?” or “if you didn’t want your nude pics made public, why did you make them in the first place?”, thus brushing away a very real right to privacy in favor of accusing the victims of stupidity or attention whoring or both.
    Okay, so if I put something on the internet, I can’t complain if it’s used to my disadvantage. Got it.
    Well, now there are rumors the FBI is investigating the leaks. Investigating against redditors maybe? Oh the outrage! Their privacy should be protected, so that things they said on the internet can’t be used to prosecute them.
    Wait…?
    So what they’re saying is:

    if *your* privacy is violated, you shouldn’t complain, and it’s totally my First Amendment right to *ahem* _express_ you private data whereever I like. But if it looks like I could encounter negative consequences for what I said on the ‘net, protecting *my* privacy at all costs should be a Holy Cause to the all of the ‘net.

    You are a stupid slut and you should shut up, but I am an upstandig knight for the lulz and I should be protected.

    Go on, we’re listening.

    Finally there is this issue that goes by the name »The Fappening«, courtesy of »creative« people on 4chan. This thing is a mess. My inner privacy activist cannot help but see the blunt violation of those celebrity women’s privacy. And since all victims are female, I cannot deny that we have a case of sexism. My inner internet activist on the other hand, would argue that this is one of those parts of internet culture we should not be proud of, but is hard to stop. Both of them agree on the fact that there is a difference between a cracker, some redditors and the FBI violating someone’s privacy.

    The cracker commited a crime by getting illegal access to other people’s private data. If that person is the target of investigations, that’s only fair. But if we talk about redditors, does that mean people who are suspected to be involved in the crack or people who have just reposted the already leak pictures? While I cannot argue against the fact, that the reposters are playing a crucial role in the issue, going against them raises the stakes to way higher levels. If the FBI gets involved, they will use a lot of man power and all those data banks and lawful interception backdoors that have been carefully laid out. This is the only way to actually get all those people reposting the pictures. And this response would be totally disproportionate and a terrifying demonstration of power of the surveillance state. And therefore the only thing I can say is, there is good reason we demand higher standards in privacy protection from a powerful government agency, than some people on reddit.

    Posting private nude pictures of celebrities online is of course no issue of free speech. But it is the simple truth of the internet, that once data is released to the public and makes its way through the net, you cannot unpublish it. So the only way to really address the issue, is to prevent private data from leaking in the first place. This is not an easy task, because data security is often not the primary concern; neither of users nor of states.  Really secure systems are more complicated that less secure ones and most users seam to prefer easy usability over safety. For the states „lawful interception“ is the bigger concern and they therefore have no interest in passing legislation that would oblige service providers to implement strong security standards, because those would also shut out the intelligence agencies. But even if it is a mammoth task, it’s the only option we have other than to simply accept the facts, that there will be leaks.

    A final personal statement

    Pew, I am done. This text exploded in my face and got way bigger than I imagined when I started writing it. But there is a reason I wanted to complete it. It is a rare experience for me to see someone identifying herself as a feminist, to actual openly ask for dialogue. Since I went into politics most of the time the feminist approach I came in contact with was to (for the lack of a better term) demand obedience and not to offer dialogue. Therefore I actually genuinely appreciate an offer like Daniela’s and want to use the chance to present my point of view.

    Of course we basically had four different issues, each of which actually deserves to be discussed on its own, so even though this text already has more than 3000 words I somehow feel I could only briefly touch each topic. But I need to stop somewhere and I will do it here.

    If you, dear reader, identify as a feminist and you actually made it this far to completely read the text, even though you probably disagree with me a lot, let me close this text by repeating its title: Thank you for listening.

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  • Das neue Gesicht der Killerspiele-Debatte:

    Bild: CC-BY-NC-SA Andreas Levers

    Bild: CC-BY-NC-SA Andreas Levers

    Es gibt Themen mit denen will ich mich eigentlich gar nicht beschäftigen und die Causa Sarkeesian ist eines davon. Man kann sich eigentlich nicht in diesem Shitstorm begeben ohne etwas von der Scheiße abzukriegen. Dennoch, die Sache ist in den vergangenen Tagen ziemlich hochgekocht und wer mich kennt weiß, dass Computerspiele für mich der originäre Grund waren politisch aktiv zu werden. Ich komme daher nicht darum herum mir an dieser Stelle einige Sachen von der Seele zu schreiben. Das wird sicher nicht jedermanns Meinung widerspiegeln, aber tut mir den Gefallen den Text ganz zu lesen, bevor ihr zum erbosten Comment greift.

    Der Gegenstand der Debatte

    Zuerst möchte ich an dieser Stelle die Arbeit von Anita Sarkeesian aus meiner Sicht beschreiben. Für alle die sie nicht kennen: Sarkeesian bezeichnet sich selbst als »pop culture critic«. Das bekannteste Projekt, dass sie in dieser Tätigkeit betreibt, ist ein Videoblog mit dem Namen »Feminist Frequency«, dessen bekannteste Serie wiederum den Namen »Tropes vs. Women« trägt. Darin beschreibt sie Tropes (quasi erzählerische Motive), die ihrer Ansicht nach Geschlechterklischees und Sexismus beinhalten. Für eine Subserie mit dem Namen »Tropes vs. Women in Videogames«, sammelte sie 2012 in einer Kickstarter-Kampagne die stattliche Summe von 158.922 US$. Auf diese Serie will ich mich im Folgenden im Wesentlichen beschränken. Wichtig ist festzuhalten, dass was Sarkeesian macht, am ehesten mit einem Game Review vergleichbar ist, nur halt nicht für ein einzelnes Spiel, sondern auf einer Metaebene. Auch wenn es manchmal den Anschein erweckt, die Serie ist keine wissenschaftliche Untersuchung. Ich gehe aufgrund ihrer Selbstbezeichnung als »pop culture critic« auch davon aus, dass es das gar nicht sein soll.

    Um es gleich vorweg zu sagen, »Tropes vs. Women« hat bei mir schon immer gemischte Gefühle ausgelöst. Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass es in Computerspielen (wie in allen anderen künstlerischen Medien) Geschlechterklischees gibt und das auch nicht zu knapp. Und die Beispiele, die sie für manche Tropes sammelt, sind durchaus interessant in diesem Kontext zu betrachten. Leider geht »Tropes vs. Women« weit über die einfache journalistische Zusammenstellung dieser Beispiele hinaus. Sarkeesian packt immer noch eine politische Botschaft mit rein (die häufig deckungsgleich der modernen feministischen Ideologie ist). So verbreitet sie unter anderem auch, das bereits in der Killerspieldebatte zu Tode gerittene Argument, dass Gewalt (und damit auch sexistische Gewalt etc.) in Videospielen sich auf das Verhalten im Meatspace abfärbt; trotz aller gegenläufiger wissenschaftlicher Evidenz.

    Gleichzeitig wirken gerade in den jüngeren Folgen viele ihrer Argumente einseitig, aus der Luft gegriffen oder aus dem Zusammenhang gerissen. Zum Teil ist die Darstellung der Sachverhalte so verzerrt, dass man als Gamer ständig dazu verleitet ist den Kopf auf die Tischplatte zu knallen. Das Problem ist, dass es so aufbereitet ist, dass es für Leute, die sich mit Games weniger auskennen, vollkommen plausibel klingt[1].

    Und genau hier bin ich unweigerlich an die Killerspieledebatte erinnert. Jemand kommt von außen, verbreite ein paar verdrehte Halbwahrheiten über mein Hobby und untermauert damit seine politische Agenda. Damals waren es Leute wie Christian Pfeiffer und CSU, heute ist es Anita Sarkeesian, die ja auch selbst gesagt hat, dass sie kein Gamer ist, sondern halt ein Kritiker von allen möglichen Formen von Populärkultur. Dies ist natürlich nicht von sich aus böse, aber es verwundert nicht, dass das Ergebnis bei Gamern halt auf Unverständnis stößt. Und so muss ich leider am Ende der Debatte festhalten, dass was Sarkeesian macht aus meiner Sicht eben nicht einfach nur eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Computerspiele ist, sondern schon an Verurteilung und Diffamierung grenzt.

    Die Reaktionen

    Einige Leser werden den kompletten ersten Abschnitt lang wohl schon mit den Fingern über die Tastatur scharren und ihre Kommentare im Kopf zurechtbasteln, denn eigentlich geht es ja gar nicht um »Tropes vs. Women«, sondern um die Reaktionen darauf. Sarkeesian wurde spätestens seit der Kickstarter-Kampagne massiv angefeindet: Hatemail, Doxing, anonyme Gewaltdrohungen, die ganze Bandbreite. Es ist verdammt traurig, dass es Leute gibt, die sich auf ein so tiefes Niveau begeben und bei aller lieber zum Internet dürfen wir nicht vergessen, dass es auch diese hässlichen Seiten der Gesellschaft zum Vorschein bringt.

    Wenn wir einmal hinter diese Kulissen schauen, dann ist dieses Verhalten leider viel alltäglicher als wir uns eingestehen wollen. Jeder der etwas kontroverses sagt oder tut, kriegt Angriffe ab und  wenn es kontrovers genug ist und die Person damit auch entsprechend Reichweite generiert kommen irgendwie immer die paar Vollhonks, die unbedingt über die Stränge schlagen müssen. Ja, Twitter, Facebook und Foren sind immer wieder voll von Häme, Spott und Beleidigungen. Geschenkt. Wer das nicht aushält darf sich nicht in Kreuzfeuer begeben. Politiker und andere Personen öffentlichen Lebens müssen damit schon immer zurecht kommen. Papst Benedikt hielt sicher auch nicht viel von dem »Fanta«-Titelbild der Titanic. Und dennoch gibt es eine Grenze und die ist mit Doxing und Gewaltandrohungen eindeutig überschritten.

    Wenn ihr mich fragt wie man dagegen vorgehen soll, muss ich sagen: ich weiß es nicht. Die Gaming-Industrie sah sich genötigt in der Causa Sarkeesian einen offenen Brief zu schreiben und das Selbstverständliche zu fordern. Das ist zwar ein schönes Symbol, aber es wird fruchtlos bleiben. Denn selbst wenn 99,99% der Menschen die Grenzen respektieren, gibt es bei einer Million Rezipienten immer noch 100 Arschlöcher. Und so gibt es leider immer wieder Fälle in denen Leute, die Kontroversen aufmachen, sich dieser Form des Hasses erwehren müssen. Und diese Fälle überschreiten Grenzen, egal ob Feministin oder Männerrechtler, egal ob Atheist oder Kreationist, egal pro life oder pro choice. Solang die Kontroverse nur groß genug ist findet sich auf der einen oder anderen Seite immer ein Arschloch.

    Und dennoch ist die Sache bei Anita Sarkeesian etwas anders. Nicht dass die grenzüberschreitenden Angriffe gegen sie entschuldbar wären, aber der Umfang der Berichterstattung darüber ist größer als sonst. Dabei hätte man schon länger ein Beispiel gehabt. Der konservative Anwalt Jack Thompson, der sich zum Ziel gemacht hatte alle »Obszönitäten« (Gewalt & Sex, aber natürlich auch Homosexualität) aus den Medien zu verbannen, hatte ebenfalls Computerspiele auf seine Abschussliste gesetzt. Er bekam einen Backlash ab, der die Angriffe aus Sarkeesian sogar noch in den Schatten stellen dürfte. Die Reaktion in der Öffentlichkeit in den USA war außerhalb der konservativen Haus- und Hofmedien eher verhalten, hierzulande haben es wohl eher die wenigsten mitbekommen. Das verwundert jetzt nicht unbedingt, ein bigotter Homohasser kann halt selten auf Sympathien hoffen.

    Bei Sarkeesian ist die Sache anders. »Spielekritikerin wird von ein paar Hatern angegriffen« wäre wohl keine Nachricht wert, aber da es ja in ihrer Arbeit um Sexismus geht, lässt sich damit die schöne »Die böse sexistische Gaming-Community greift eine unschuldige feministische Spielekritikerin an«-Story aufmachen. Und hier beginnt dieses Knäuel an Wechselwirkungen, die diese ganze Sache für mich so nervenaufreibend macht. Die Tatsache, dass Gamer schon wieder für das Fehlverhalten einiger weniger in Sippenhaft genommen werden ist da nur der Anfang. Die Medien ziehen diese Story auf und Sarkeesian nickt zustimmend, da es ja in ihr Narrativ passt.

    Gleichzeitig profitiert Anita Sarkeesian massiv über die Berichterstattung über die Angriffe gegen sie. Wahrscheinlich mache ich mich jetzt damit unbeliebt, aber die Fakten sprechen hier für sich. Nachdem sie die Angriffe gegen sich publik gemacht hat, gab es einen gewaltigen Finanzierungsschub für ihre Crowdfunding-Kamapgne. Es hat auch ein »Geschmäckle«, dass eine ihrer ersten Reaktionen, nachdem sie auf Twitter die jüngsten Angriffe publik gemacht hat, war, um Geld zu bitten. Sie bekommt auch eine Menge Medien-Aufmerksamkeit, aber nicht für ihre Arbeit in »Tropes vs. Women«, sondern wegen der Angriffe gegen sie. Es haben sicher mehr Leute über die Anfeindungen über sie gehört, als das tatsächliche Video gesehen haben.

    Es ist nicht wirklich verwunderlich. Opfer von solchen Angriffen genießen die Sympathie der meisten Menschen und die Pledges für Sarkeesians Projekt waren wohl eine Form von »jetzt erst recht«. Aber sie wäre ohne den ganzen Backlash bis hin zur widerlichsten Ausprägung heute einfach nicht dort wo sie ist. Es ist abstrus, aber wenn man sich die Sache nicht gerade mit Scheuklappen anschaut nicht wirklich zu verneinen.

    Diese Situation macht es jetzt nicht nur schwer bis unmöglich den Leuten zu widersprechen, die gerne von »professional victimhood« sprechen, es ist leider auch – wie so häufig bei der »Qui Bono?«-Frage – ein Nährboden für die Verschwörungstheorie, dass Sarkeesian die Drohungen inszeniert hat. Und ja, ich weiß dass es in der feministischen Szene leider Fälle von inszenierten Drohungen gibt, aber die »Beweise« in diesem Fall sind extrem dünn und wie gesagt: man muss es nicht inszenieren, irgendwann kommt immer ein Arschloch um die Ecke.

    Die ganze (gerechtfertigte) Solidarisierung mit Sarkeesian, hat nun leider wiederum den Effekt, dass die sachliche Debatte darunter leidet. Menschen solidarisieren sich nämlich nicht nur mit Sarkeesian, sondern auch mit dem Projekt, für dass sie vermeintlich angegriffen wird. Und so kommt es zu dem Effekt, dass die ungerechtfertigten Ad-Hominem-Angriffe auf sie, dazu führen, dass auf der andern Seite eine ungerechtfertigte Ad-Hominem-Verteidigung gibt. Alle inhaltliche Kritik an »Tropes vs. Women in Video Games« wird mit den Ad-Hominem-Angriffen in einen Topf geworfen. Es gibt eine ellenlange Liste an inhaltlicher Kritik zu Sarkeesians (in Ermangelung einer besseren Bezeichnung) Vorwürfen. Manche davon sind qualitativ eher schlecht, wie z.B. das gängige Tu-quoque-Argument »Aber du hast doch auch Ohrringe!«, aber es gibt auch richtig gute und sie alle kommen ohne persönliche Angriffe aus. Aber man liest nichts davon, dass Sarkeesians Arbeit kontrovers oder umstritten ist.

    Das führt wiederum dazu, dass es zwei vollkommen verschiedene Sichtweisen darüber gibt, wer in diesem »Kampf« nun eigentlich der David und wer der Goliath ist. Auf der einen Seite Anita Sarkeesian, die einsame Streiterin für Gleichberechtigung, die sich gegen eine Schar sexistischer Gamer stemmt. Auf der anderen Seite die Gamer, die keine 160.000 Kickstarter-Dollar haben und nur auf Masse setzen können, aber in dieser Masse mit den Hatern sofort in einen Topf geworfen werden. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen

    Fazit

    Der Kern des Ganzen, was ich mit diesem sperrigen Text sagen will, ist, dass es sich diese Debatte für mich nicht einfach in ein eindimensionales Schwarz-Weiß-Schema pressen lässt. Es ist wie schon gesagt viel mehr ein Knäuel. Dennoch will ich zum Abschluss dieses Textes den (vielleicht zum scheitern verurteilten) Versuch unternehmen das wichtigste in drei Stichpunkte zusammenzufassen:

    • Wie bei allen kontroversen Debatten im Internet wird auch bei der Debatte um Games niemand mit Samthandschuhen angefasst. Aber es gibt Grenzen (die einem Teil vielleicht etwas hochgesteckt vorkommen) aber von den allermeisten respektiert werden. Es ist nicht ok Gamer für das Fehlverhalten einzelner in Sippenhaft zu nehmen.
    • Doxing und Gewaltdrohungen gegen jeden Menschen, das heißt explizit auch gegen Anita Sarkeesian, sind inakzeptabel. Dennoch darf Kritik an ihrer Arbeit geübt werden.
    • Es gibt Geschlechterklischees und Sexismus in Computerspielen und anderen Medien und eine Debatte darüber zu führen ist berechtigt. Diese Debatte profitiert aber meines Erachtens nach mehr von Beschäftigung mit dem tatsächlichen Inhalt, als von der Beschäftigung mit den Leuten, die an der Debatte teilnehmen.

     


    [1]Ich könnte das jetzt hier im Detail ausführen, aber das würde den Artikel etwas sprengen und ist IMHO auch schon quer durchs ganze Netz zur Genüge getan worden.

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  • Statistics, you’re doing it wrong:

    Dieser Text ist eine Replik auf eine englischsprachige TV-Sendung und daher in Englisch verfasst. Der Inhalt ist aber auch in Europa von Relevanz.

    The article is long, I know that, but please consider reading it whole before jumping to conclusions. Thank you.

    I am German but I have some rudimentary interest in US politics. The last episode of »Last Week Tonight with John Oliver« ran a story that made me want to discuss statistics a bit. We all have heard about the tragic events in Ferguson and its background of racial discrimination by the local police, especially the racial profiling. I once asked some random people on 4chan who defended this practice, why they think it was justified. I got a lot of answers that used very compelling arguments rooted in freely available data. The following argument I want to present is not what I got, but it is what I made of it with data I could find on my own.

    Let us take a look at the FBI criminal statistics, e.g. the murder statistics. The argument would also work with other statistics, but I think we can agree that murder is one of the (if not the) most serious crimes. As we can see in 2011 most of the murder offenders whose race was recorded are either white or black, which is no wonder, since those are the two biggest racial demographics in the US. There were 4729 white murder offenders and 5486 black ones. This means for every 100 white murder offenders, there were 116 black ones. These numbers get far worse, if you compare them to their respective base populations[1]. This means 0.002% of whites and 0.014% of blacks became murder offenders, i.e. blacks are about 7 times more likely to become murderers than whites. So it is justified that blacks are watched more by the police than whites.

    If you think this argument, which we shall call the »murder argument«, is (racist) nonsense, you are right. Most people who opposed the argument then on 4chan tried to make the (IMHO weak) point, that even if blacks are more likely to commit crimes, they should not be watched more. The point I want to make is, that the premise itself is false because it makes three basic statistical errors, which I want to explain now.

    The overvaluation of single indicators

    People often search for single indicators to assess problems. We see that in companies using so called »key performance indicators« and in political discussions. The murder argument is such a single indicator. But this single indicator fails to paint a comprehensive picture of the situation. If hypothetically the black offenders would mainly be repeat offenders and the white ones mainly first time offenders, that would mean that white people are way more prone to murder than previously estimated. So this one single indicator, tells us little to nothing.

    The Correlation-causation-fallacy

    One of the most basic statistical errors, that is even made by many scientist, is the idea, that correlation implies causation. Simply speaking, two attributes are correlated, if they often show up together, like in the murder argument, the skin color and the fact if the person is a murder offender. But just because two attributes are correlated does not mean, there is a causation between these two.

    Most people would think, the idea that the murder argument implys that being likely to kill someone causes you to have black skin, is ridicoulus. But for some reason many people find it perfectly reasonable to conclude, that having black skin causes you to be more likely to kill someone.

    In my own political experience, people like simple answers to complex problems. They like to hear simple cause and effect relations, like being black makes you more likely to kill someone. But reality is often not that simple and there is a vast number of different intertwined causes for each different effect. Another possible (and still way too simple) explanation for the numbers in the murder argument could be, that black people are more likely to be poor and that poor people are more likely to commit murder. In this case suddenly the cause is not race, but wealth. This can be best illustrated by and therefore leads us to the last error.

    Simpson’s paradox

    Simpson’s paradox is an apparent statiscal anomaly caused by the two errors we have seen so far. To explain this, we use a simple, fictional text book example, which was slighty modified to fit the murder argument. Let’s assume there are 200000 people living in a county, all of which are either black or white. The murder statistics are as follows:

    TOTAL population offenders offenders/population white 140000 59 0.042% black 60000 51 0.085%

    Looks like this county has a murder problem and that blacks are more than twice as likely to commit murder than whites. But let’s add another factor into the analysis and roughly group the people into a poor and a rich class. Now the data looks as follows:

    POOR population offenders offenders/population white 50000 50 0.1% black 50000 50 0.1% RICH population offenders offenders/population white 90000 9 0.01% black 10000 1 0.01%

    As we can see, in both groups the relative frequency of offenders is identical. This seems to be a contradiction to the total numbers, but it is not. We see a strong correlation between wealth and number of murder offenders in the detailed data, but no correlation between race and number of murder offenders. If we aggregate to the total data and therefore lose the wealth information, the latter correlation suddenly seems to exist. This is because there is also a strong correlation between wealth and race (90% of rich people are white). So the total data falsely attributes the correlation of the number of murder offenders with wealth to race instead.

    So even when we speak only of correlations and avoid the correlation-causation-fallacy, we can still draw false conclusions about correlations, when we aggregate the data too much, for example into a single indicator.

    Interim conclusion

    In the murder argument we saw an example for bad statistics. Even though the numbers are sound, the conclusions drawn from them are not. But this example is not an argument, that using statistics for fact based policy making is not possible. To the contrary, I am all for fact based policy making. But we cannot aggregate complex problems into simple numbers to draw simple solutions from, but rather have to understand the problems‘ complex cause and effect relationships. Therefore it is necessary to determine the most important causes (the »signal«) and distinguish them from weak causes / pure randomness (the »noise«). After that these determined causes can be the topic of political debate.

    The second example

    After all the talk about the example why crime statistics do not justify racial profiling you might be surprised, that John Oliver’s segment on Ferguson, was not the reason why I wanted to write this article. The actual reason was the later segment on equal pay.

    I wrote the entire first half of this article to illustrate the statiscal fallacies on an example, that would make it easy for a more liberal audience (which I assume to be the major part of Oliver’s crowd, me included, I am a big fan) to follow. But not only hard right-wing conservatives like those guys I met on 4chan misuse statistics if it fits their political narrative, liberals do too. Oliver’s equal pay segment is the best example.

    The »77 cents on the dollar«-figure which is widely used in the media, is a comparison of median income values and therefore a simplified single indicator, that has the same meaning as the murder argument (few to nothing). Oliver actively discourages analysis of the causes for the wage gap, mocks journalists trying to report more sophisticated figures and basically advocates for measuring everything on the single indicator (which he adjusts to an 83 cents figure).

    For example he uses a metaphor to explain why it does not matter how big the pay gap is. If someone had taken a dump on his desk, he would not care if it is 6 inches or 2 inches long, he does not want crap on his desk. This propagates the single cause fallacy (on person taking one dump on his desk). To be more realistic, there would have to be a huge pile of stuff on his desk, some of it being crap of different shapes and sizes from different people, some being just dust (noise) and some being choclate (stuff that looks like crap but is not inherently bad). Part of a statistical analysis would be to seperate all the different stuff on the desk, finding out what is actual crap and what we would have to do for each crapping person to stop crapping. Sounds disgusting? Well, complex problems need complex solutions.

    In another segment a fake ad for 83 cent bills to pay female employes was shown. This is statistical nonsense on so many levels, since this 83 cent figure is just an average single point estimator. To be statistically sound, each employe would need a special bill, one being paid in 83 cent bills, another in a 123 cent bill, the next with a 98 cent bill and so on for every employe male or female.

    Advocating to measure policy on this one single indicator, is scientifically speaking at least careless. Going back to the murder argument, we could tell white people to commit more murders. This would straighten the figure, but would probably be crowned the most stupid politcal idea in human history. A less stupid but IMHO still very bad idea would be to straighten the pay gap figure by introducing legislation that would oblige employers to discriminate men.

    The simple fact is, that the whole pay gap issue is a very complex problem, that has a lot of different causes. We have a very good idea about some of those, but still about 5 to 8 cents of the pay gap figure is unexplained. And by the way, unexplained means that we do not know where it came from, not that this is the result of gender discrimination. To properly get rid of the pay gap, we have to address a lot of different issues, many of which are hardly solvable by legislation, e.g.

    • we have to encourage girls and women to be willing to take more risk in their career decision, e.g. majoring in computer science and engeneering instead of social sciences and education
    • we have to distribute the burden of child care onto both genders[2]

    Final conclusion

    I actually think John Oliver and his writers are trying to make a very important point. But advocating oversimplification of statistical numbers just because it fits a »good« political narrative is wrong. I do not think Last Week Tonight is hostile to science, the segment were they debunked the idea that climate change is a scientifically disputed fact shows otherwise. But that means I was all the more disappointed, when they repeated the statistically unsound approach to the pay gap problem. But as I said, even scientist often fail with statistics.

    Nevertheless, I think the problem of wrong interpretation of statical figures needs to be addressed and this article is my personal take on it.


    [1] The demographic data is from 2010 while the crime data is from 2011, so this number is not exact, but should be a pretty good estimator.
    [2] Talking about gender in this context means the two major genders. No offense to non-male-female gender people intended.

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  • Kämpft für die Flatrate:

     

    Ein Spoof einer O2-Werbung mit dem Text: DrO2ssel

    Erinnert ihr euch noch an #Drosselkom? Die Telekom hatte in ihre DSL-Verträge eine Klausel eingebaut, nach der die Bandbreite nach einer bestimmten Menge an verbrauchtem Traffic gedrosselt wird, ähnlich wie man es schon beim Pseudo-Internet (vulgo: mobiles Internet) kennt. Der große Gegenwind und ein entsprechendes Gerichtsurteil brachte die Telekom zum Zurückrudern. Jetzt wollen aber eigentlich alle großen Anbieter irgendwie mehr Geld und so ist es Telefonica (O2), die nun als nächstes den Angriff wagen. Dabei setzen sie auf größeren Spielraum und eine der dreistesten Neusprech-Schöpfung seit Orwell’s Wahrheitsministerium, dem »Fair-Use-Vorteil«. Und dennoch ist der Protest bei Telefonica eher verhalten.

    Ein Grund dafür ist, dass der größte Kritikpunkt bei der Telekom die Verletzung der Netzneutralität war. Die Telekom wollte ihren eigenen IP-TV-Dienst Entertain von der Drosselung ausnehmen. Begründet wurde dies damit, dass sie sich den Begriff des »managed service« aus dem (pardon) A*sch gezogen haben. Eine solche Verletzung der Netzneutralität sucht man bei Telefonica erst mal vergebens.

    Alles was sie tun, ist die Flatrate abzuschaffen, auch wenn sie beteuern, dass es ja nicht so ist, weil die meisten ja deutlich weniger als 300 GB im Monat verbrauchen. Aber diese Diskussion haben wir bei #Drosselkom schon durch. Kurzfassung: in ein paar Jahren brauchen wir alle mehr Traffic, insbesondere Mehrpersonenhaushalte.

    Nun ist die Flatrate an sich kein so fundamentales Prinzip wie die Netzneutralität, aber ich möchte hier dennoch eine Lanze dafür brechen. Denn die Flatrate ist es erst, die unsere Entwicklung zu einer digitalen Kommunikationsgesellschaft den Weg geebnet hat. Zu Analog- und ISDN-Zeiten musste man nach dem Einwählen fast schon die Stoppuhr einschalten. Internetverbindung gab es damals nur sitzungsweise. Man »ging ins Internet« und kam dann quasi wieder zurück. Den Rechner mal schnell online laufen zu lassen war kaum drin, davor einzuschlafen war eine Kostenfalle. Erst die Flatrate hat es uns ermöglicht die digitale Kommunikation ohne Angst vor horrenden Kosten zu nutzen und eben nicht mehr »Internetsitzungen« abzuhalten, sondern dauerhaft vernetzt zu sein. Und ich bin heilfroh, dass ich am Festnetz nicht wie beim Handy darauf achten muss, dass am Monatsende noch genug Internet da ist. Die Abschaffung der Flatrate wäre für die Weiterentwicklung unserer digitalen Kommunikationsgesellschaft verheerend.

    Nun ist der Ansatz ein Gesetz zum Erhalt der Flatrate zu schaffen wohl eher ein dickes Brett. Aus diesem Grund bleibt uns als erstes wohl nur die Lösung, die Sprache zu sprechen, die Unternehmen verstehen: Geld. Es bleibt nur die Drosselanbieter rigoros zu boykottieren. Wenn ein Anbieter damit durchkommt, wird der Rest nachziehen. Die #Drosselkom hat ihren dauerhaften Imageschaden schon weg, jetzt muss #DrO2ssel auf die Abschussliste.

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  • Die Ohnmacht der Medien gegen die Montagsdemos:

    Wie einige bereits wissen, mache ich eine politische Pause um endlich meine Dissertation fertig zu stellen. Doch aus aktuellem Anlass kribbelt es mir in den Fingern etwas auf diesem Blog zu posten. Dieser Anlasse sind die „neuen“ Montagsdemonstrationen. Folgt man der Berichterstattung so tummeln sich dort allerhand Verschwörungstheoretiker, auch diejenigen mit neurechtem Anstrich, wie etwa Zins- und Fed-Kritiker. Unter diesen Verschwörungstheoretikern sind auch rhetorische Schwergewichte wie mein Namensvetter und Ken Jebsen (dessen Youtube-Videos ich selbst gerne anhörte, bis ich von seiner Historie erfuhr). Eine ihrer Botschaften ist die Kritik an den »gleichgeschalteten« Medien, deren Kommentarspalten wohl auch Ziel einer konzertierten Aktion sind. Und um die geht es mir in diesem Blogpost.

    Ich kann – bei aller Ablehnung seltsamer Verschwörungstheoretiker – die Kritik an den Medien nämlich durchaus nachvollziehen. Eine Erfahrung, die ich während meiner politischen Aktivität (auch schon vor den Piraten) machen musste ist, wie weit Realität und Medienberichterstattung (heute?) auseinander driften und wie ohnmächtig man selbst davor steht.  Ein kleine Anekdote dazu: Der 2012er Bundesparteitag in Bochum war für mich einer der produktivsten Parteitage, die es bei den Piraten je gab, dank umfangreicher inhaltlicher Diskussionen, die schließlich auch in nicht wenigen Programmbeschlüssen gipfelten. Als ich am Montag darauf ins Büro kam, war das erste, das ich von einem Kollegen zu hören bekam: »Der Parteitag war ja wohl nicht so toll.« Ich fiel aus allen Wolken. Der Grund war recht simpel: Er hat sich die Berichterstattung auf Spiegel Online durchgelesen und die war durch die Bank negativ.

    Denn es ist (heute?) längst nicht so, dass Berichterstattung der journalistischen Ethik folgt, nach der Journalisten die Fakten berichten und sich der Hörer/Leser/Zuschauer auf Basis dieser Fakten selbst eine Meinung bildet. Berichterstattung ist immer mit einer subtilen Wertung versehen, »gefärbt« wenn man so will. Das merkt man meist schon an den Überschriften. Man kann einen Artikel über den vorher genannten Parteitag überschreiben mit »Zäher stundenlanger Streit über einzelne Worte und Kommas« oder »Nur bei den Piraten: Politische Debatten statt politisches Theater« oder einfach nur »Piraten erweitern Grundsatzprogramm um Renten-, Wirtschafts- und Außenpolitik«. Alle drei Überschriften beschreiben das selbe Ereignis, nur einmal negativ, einmal positiv und einmal neutral gefärbt.

    Die negative Erfahrung, die ich mit den Medien gemacht habe, war, dass man völlig unabhängig was man tut oder wie man es tut, vollkommen ohnmächtig gegen gefärbte Medienberichterstattung ist. Aus meiner Sicht konnte man sehen, wie die positiv gefärbte Medienberichterstattung die Piraten Anfang 2012 auf zweistellige Umfragewerte hob, nur um zu sehen wie die negativ gefärbte sie auf 2% drückte. Weder die überpositive, noch die übernegative Berichterstattung war meiner Meinung nach gerechtfertigt, aber sie passt ins mediale Drama. Und man konnte die Änderung der Färbung in der Berichterstattung über die Zeit hinweg sehen.

    Auch hier als kleine Anekdote der Fall Birgit Rydlewski. Birgit hatte sich als MdL im November 2012 auf Twitter über ausufernde, langweilige Plenarsitzungen beschwert. Jeder Politiker weiß, dass Plenarsitzungen langweilig sind und nichts an politischen Entscheidungen ändern. Längst ist alles in den Ausschüssen entschieden, Plenarsitzungen sind nur noch Theater, wo sich alle Fraktionen noch mal selbst darstellen können. Bei den alten Parteien hat man sich längst damit abgefunden und liest Zeitung oder spielt Sudoku. Hätte Birgit ein halbes Jahr  vorher getwittert, wäre die Reaktion gewesen »endlich sagt’s mal jemand«. Im November war die Reaktion »das faule Luder[1] soll halt ihr Mandat zurückgeben, wenn’s ihr zu viel Arbeit ist«.

    Der Erfolg der ehrenamtlichen Arbeit all der Piraten, die aus politischer Überzeugung in so vielen anderen Lebensbereichen zurückgesteckt haben, war der Medienberichterstattung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Nun will ich nicht sagen, dass bei den Piraten keine Fehler gemacht wurden, ganz im Gegenteil, aber es war unmöglich diese Fehler auszubessern. Als etwa Johannes Ponader im Amt war, übertönte die Berichterstattung um seine Person all die gute Arbeit, die von den Piraten auf breiter Front geleistet wurde. Als er zurücktrat kam aber weder diese Arbeit zum Vorschein, noch gab es »Piraten haben Streit hinter sich gebracht«-Artikel, sondern nichts.

    Das faszinierende war: als viele Piraten diese Kritik an den Medien lautstark kundtaten, schrieben die einfach jede Schuld von sich. Es gab »Piraten wälzen eigene Fehler auf Medien ab«-Artikel und wenn ich mein privates Umfeld wieder als Beispiel nehmen darf sind die auch super verfangen. Die Reaktionen, die ich bekam waren alle nach dem Gusto: »Hört mal auf den Medien die schuld an eurem Versagen zu geben. Die sind gar nicht schuld, haben sie selbst gesagt.«

    Und hier schließt sich der Kreis zu den neuen Montagsdemos. Auch hier liest man wieder wie Medien darüber schreiben, wie böse doch die Medienkritik der Leute dort ist. Und die fühlen sich davon natürlich bestätigt und haben die Medien längst abgeschrieben. Und so kommt es, dass die Querfront-Strategie der neurechten (wie schon bei der AfD) aufgeht. Da stehen Leute, die mit Nazis eigentlich nichts am Hut haben wollen, mit rechten Verschwörungstheoretikern auf einer Demo und dieser Fakt kommt bei denen nicht an, weil sie den Medien, die sie über die rechten Verschwörungstheoritiker aufklären sollten, keinen Glauben mehr schenken.

    Der Effekt, den wir hier sehen, ist ähnlich dem was Fox News in den USA ausgelöst hat. Die Leute meckern gegen Mainstream-Medien und begeben sich in die Filterblase von Fox News, in der sie ständig mit als »konservativ« getarnter Rechtsaußenpropaganda bombadiert werden. Nur das die Rolle von Fox News hierzulande diverse Social-Media-Outlets übernehmen (und die Rolle der Teaparty die AfD).

    Das liegt nicht zuletzt daran, dass es in den deutschen Medien keinerlei Selbstkritik gibt. Sie haben selbst aus der Tatsache, dass sie von den Menschen für korrupter gehalten werden als Parlamente, nichts gelernt. Und man kann nun mal nicht verneinen, dass man in allen großen Zeitungen im Wesentlichen das Gleiche liest und dass das was man liest halt gefärbt ist. Auch die Berichterstattung über die Ukraine, die von den neuen Montagsdemonstranten angeprangert wird, war es und dabei ist es alles andere als schwer das neutral zu machen.

    Das heißt jetzt natürlich nicht, dass man Putins Politik jetzt plötzlich gut heißen soll. Deswegen möchte ich an dieser Stelle diesen Artikel mit einem Appel an all diejenigen Menschen beenden, welche die neuen Montagsdemos unterstützen. Als jemand, der die Schattenseite der modernen Medienberichterstattung erlebt hat: Bitte lasst euch in eurem Wunsch nach Frieden und Freiheit nicht von neurechten Verschwörungstheoretikern vereinnahmen. Informiert euch über die Fakten oder seid zumindest offen dafür, wenn ihr mit anderen diskutiert. Die Welt ist nicht schwarz/weiß.


    [1] Wörtlich von einer Boulevard-Zeitung so verwendeter Ad-Hominem-Angriff aufgrund eines älteren Tweets

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